Interview - «In Afrika liefern wir zum Teil mit Drohnen in schwer zugängliche Regionen»

In der Corona-Krise hängte der US-Player Pfizer alle Pharmakonzerne ab. Schweiz-Chefin Sabine Bruckner über das Erfolgsrezept – und das neue Covid-Medikament.
29.05.2022 04:05
Von Dirk Schütz
Der Hauptsitz von Pfizer.
Der Hauptsitz von Pfizer.
Bild: Bloomberg

cash.ch: Frau Bruckner, Pfizer hat als einziger der grossen Pharmakonzerne von der Pandemie stark profitiert. Glück oder Können?

Sabine Bruckner: Wir haben eine bewährte Tradition als Impfstoffhersteller: Wir forschen schon sehr lange in diesem Bereich und hatten immer den Anspruch, neue Impfstoffe zu entwickeln. Das hat uns geholfen.

Wollten Sie das Impfstoffgeschäft nie verkaufen, wie es etwa Novartis getan hat?

Das war nie ein Thema. Wir waren historisch schon immer führend bei den Infektionskrankheiten: Wir forschen beispielsweise zu antimikrobakteriellen Resistenzen, ein Bereich, aus dem sich Mitbewerber zurückgezogen haben.

Pfizer profitierte allerdings auch sehr stark von der Zusammenarbeit mit Biontech – ein Glücksfall.

Wir haben in der Vergangenheit regelmässig mit anderen Unternehmen zusammengearbeitet. Die Zusammenarbeit mit Biontech hat schon ein paar Jahre lang bestanden. Seit 2018 haben wir auf Basis der mRNA-Technologie gemeinsam geforscht, ursprünglich an einem neuartigen Grippeimpfstoff. Als die Pandemie ausgebrochen ist, haben sich die CEO zusammengesetzt und gesagt: Wir müssen etwas machen.

Pfizer war der exklusive Partner von Biontech.

Ja, wegen unserer gemeinsamen Vorarbeit. Das hat sich für beide Unternehmen bewährt. Biontech hatte sehr viel Wissen in der Erforschung der mRNA-Technologie, Pfizer die Erfahrung in der Impfstoffentwicklung und auch die Fähigkeit, Impfstoff in grossen Mengen zu produzieren und auszuliefern.

Wie viel haben Sie produziert?

Bis Ende letzten Jahres waren es drei Milliarden Dosen. Wir müssen den Impfstoff bei minus 60 bis minus 90 Grad lagern und haben dafür ein eigenes Transportsystem entwickelt. Es ist eine Art riesiger Tiefkühlschrank mit Einschüben für die Boxen. Diese sehen aus wie Pizzaschachteln, darin befinden sich die Durchstechflaschen. Zentral war: Egal welches Transportmittel oder welche Menge – der Impfstoff konnte bei den richtigen Temperatur-Bedingungen geliefert und gelagert werden. In Afrika liefern wir zum Teil mit Drohnen in schwer zugängliche Regionen.

Wie viel Impfstoff produzieren Sie in diesem Jahr?

Alle Impfstoffhersteller arbeiten zusammen, damit genug vorhanden ist, um die gesamte Weltbevölkerung zu impfen. Im Jahr 2022 sind wir bei Bedarf in der Lage, vier Milliarden Dosen zu produzieren.

Wie wirksam ist Ihr Impfstoff gegen Omikron?

Es hat sich gezeigt: Die Impfung kann vor schweren Verläufen schützen, aber Menschen stecken sich trotzdem an, auch wenn sie geboostert sind. Deshalb haben wir Ende Januar eine klinische Studie lanciert mit rund 1400 Teilnehmern. Sie untersucht die Sicherheit, die Verträglichkeit und die Wirkung eines Impfstoffs gegen Omikron-Varianten bei gesunden Erwachsenen im Alter von 18 bis 55 Jahren. In mehreren Gruppen werden verschiedene Kombinationen mit dem momentanen Pfizer-Biontech-Covid-19-Impfstoff oder einem Omikron-basierten Impfstoff untersucht. Dann schauen wir, welche Gruppe wie gut geschützt ist.

Wann könnte der Omikron-Impfstoff auf dem Markt sein?

Wenn sich bei dieser Studie herausstellen sollte, dass ein angepasster Impfstoff signifikant besser wirkt, könnten wir ihn innerhalb von 100 Tagen zur Verfügung stellen, vorbehaltlich behördlicher Zulassung.

Wann ist die Studie fertig?

In den nächsten Monaten.

Die Pandemie ist also noch nicht vorbei.

Vorbei ist sie aus meiner Sicht noch nicht. Omikron verursacht aber offenbar weniger oft schwere Verläufe.

Sie sind Österreicherin, in Ihrer Heimat waren die Corona-Massnahmen härter als in der Schweiz. Was behagt Ihnen mehr?

Man muss die Menschen abholen, wo sie stehen. Ich bin für Aufklärung statt Zwangsmassnahmen.

Chefin statt Ärztin

Die Österreicherin Sabine Bruckner (52) arbeitet seit 15 Jahren für den US-Pharmakonzern Pfizer, der mit einem Börsenwert von 310 Milliarden Dollar knapp hinter Roche liegt. Seit 2020 leitet sie die Schweizer Niederlassung, die in Zürich-Oerlikon mehr als 200 Mitarbeitende beschäftigt. Als Kind wollte Bruckner Ärztin werden, studierte dann aber in Wien Wirtschaft. Sie ist verheiratet, hat einen 20-jährigen Sohn und lebt in der Nähe von Zürich.

Wie wichtig ist der Schweizer Markt für Pfizer?

Mit der Swissmedic haben wir eine eigene Zulassungsbehörde, wir können hier innovative Therapien schnell auf den Markt bringen, zuweilen früher als in Europa. Das Schweizer Gesundheitswesen ist sehr offen für innovative Therapien. Die Schweiz ist ein sehr spannender Markt für uns.

Gibt es eine Bevorzugung der heimischen Anbieter wie Novartis oder Roche?

Dies können wir nicht beurteilen. Aber es freut uns, das unsere Produkte auf dem Schweizer Markt sehr gefragt sind.

Pfizer entwickelt auch ein antivirales Medikament gegen Covid-19. In der EU ist es bereits unter dem Namen Paxlovid zugelassen, in der Schweiz befindet es sich im Zulassungsprozess bei Swissmedic. Wo würde es eingesetzt?

Prävention ist immer besser, als krank zu werden. Es gibt aber Menschen, bei denen das Immunsystem nicht so gut arbeitet, sodass auch eine Impfung nicht genug schützt. Hier kann eine antivirale Therapie eine sinnvolle Option sein.

Weshalb?

Stand heute ist dieses Medikament in der Schweiz noch nicht zugelassen. Grundsätzlich geht es beim Einsatz dieses Medikaments vor allem darum, schwere Krankheitsverläufe, die eine Spitaleinweisung oder sogar den Tod zur Folge haben, bei Hochrisikopatienten zu verhindern. Die klinische Studie mit unserem antiviralen Medikament bei Hochrisikopatienten hat in der Tat gezeigt, wenn die Behandlung rechtzeitig begonnen wird, sinkt bei dieser Patientengruppe das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs signifikant.

Ein weiterer Erfolg für die Firma.

Pfizer hat sich gewandelt. Wir waren früher sehr diversifiziert und entwickelten etwa auch Medikamente gegen chronische Erkrankungen für grosse Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel im Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jetzt konzentrieren wir uns auf ausgewählte Therapiegebiete, in denen wir führend sein wollen. Die Impfstoffentwicklung ist eines unserer Fokusgebiete, dadurch kam die Zusammenarbeit mit Biontech zustande.

Welche Therapiegebiete stehen im Fokus?

Unser Anspruch ist: dort zu forschen, wo es für Krankheiten noch keine oder unzureichende Lösungen gibt. Infektionskrankheiten sind ein Beispiel, aber auch neuartige Antibiotika. Auch Onkologie und Gentherapie sind ein grosser Schwerpunkt.

Zurück zum Covid-Medikament: Der Grossteil der Erkrankten braucht es also gar nicht – es ist vor allem für Risikopatienten gedacht.

Das ist die aktuelle Annahme aufgrund der vergleichsweise milden Omikron-Variante.

Ein positiver Ausblick.

Das ist genau das, was wir brauchen: ein Gefühl, dass die Normalität zurückkehrt. Ob Covid ganz verschwindet oder bestehen bleibt wie eine Grippe, darüber diskutieren die medizinischen Experten. Wenn wir die Möglichkeit haben, dass wir uns durch eine Impfung schützen können, und dann für Risikopatienten auch noch über eine wirkungsvolle Medikation verfügen: Dann haben wir unser Leben zurück.

Dieses Interview erschien zuerst im Digitalangebot der "Handelszeitung" unter dem Titel: "Pfizer-Schweiz-Chefin über Omikron-Impfstoff: «Wir könnten ihn innerhalb von 100 Tagen zur Verfügung stellen»"