Der Kerosinpreisschock infolge des Iran-Krieges setzt finanzschwache Airlines unter Druck und könnte nach Einschätzung von Branchenkennern zu einer Marktbereinigung in Europa ‌führen. Fluggesellschaften ⁠ächzen unter den zeitweise massiv gestiegenen Treibtoffkosten, Aktienkurse sinken und Finanzierungskosten steigen.

«Ich befürchte, dass einige Fluggesellschaften mit diesem hohen Treibstoffpreis nur sehr schwer zurechtkommen werden», sagte ⁠der Chef des Airline-Verbandes IATA, Willie Walsh, kürzlich der Nachrichtenagentur Reuters. Es könne zu Pleiten und Übernahmen kommen.

Vor allem kleinere Fluggesellschaften seien gefährdet, erklärte der Londoner Luftfahrtexperte James Halstead. Die Kerosinkosten machen ‌bis zu 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Sollten Airlines in der Sommersaison nicht genügend Geld erwirtschaften, um das ‌zu stemmen, werde die Finanzlage im saisonal schwachen Winter kritisch.

Beispiel AirBaltic

Unter Druck ​steht etwa die lettische Fluglinie airBaltic. Sie braucht frisches Geld, um einen Zahlungsausfall von Anleihen abzuwenden. Im August muss die Airline einen Kredit des Staates über 30 Millionen Euro zurückzahlen. Eine Anleihe im Volumen von 380 Millionen Euro wird zwar erst 2029 fällig, muss aber über ein Reservekonto abgesichert werden. Im Juni gelang es nicht, dieses Konto aufzufüllen. Die Ratingagentur Fitch erklärte, die Kapitalstruktur mit der bis 2029 laufenden «sehr teuren Anleihe» sei nicht tragfähig. Fitch ‌warnte vor einem steigenden Kreditausfallrisiko. Die Airline äusserte sich nicht.

Eine Schieflage von airBaltic beträfe auch die Lufthansa. Die Fluggesellschaft mit einer Flotte von 55 Airbus-Maschinen übernimmt im Sommer viele Flüge der Lufthansa, worauf diese seit der Schliessung der eigenen Regionalfluggesellschaft Cityline noch stärker angewiesen ist. Die Lufthansa war Anfang 2025 mit einem ​Anteil von zehn Prozent für 14 Millionen Euro bei airBaltic eingestiegen. Weitere Investments schloss Lufthansa-Chef Carsten Spohr im ​Mai aus.

Lettland habe sich als Mehrheitseigner klar positioniert, die Airline zu stützen. «Und deswegen gehen wir ​davon aus, dass das weiterhin ein wichtiger (...) Partner bleibt, ohne dass wir dort weiter investieren wollen oder müssen.» Der lettische Regierungschef Andris Kulbergs zeigte sich zuletzt aber reserviert. Der Staat könne ‌airBaltic nicht unterstützen, wenn das Unternehmen keine klare Strategie für die Zukunft vorlege. «Es muss einen strategischen kommerziellen Investor geben, der sich auch aktiv an dem Unternehmen beteiligt», sagte er.

Beispiel EasyJet

Für Aufsehen sorgt in der Branche auch der Übernahmepoker um den britischen Billigflieger Easyjet. Die US-Finanzinvestoren Apollo Global Management und Castlelake, spezialisiert ​auf Flugzeugfinanzierung, ​legten Kaufgebote vor. Der stark gesunkene Aktienkurs dürfte dabei als Motiv eine Rolle spielen. ⁠Apollo übertrumpfte mit einem Gebot von 7,15 Pfund je Easyjet-Aktie ​die Castlelake-Offerte von 6,90 Pfund.

Easyjet ⁠besitzt mehr als die Hälfte seiner Flugzeugflotte und verfügt damit über milliardenhohe Vermögenswerte. Der Billigflieger ist zudem am europäischen Markt etabliert, nicht nur als Airline, sondern ‌in Grossbritannien auch als Reiseveranstalter. Apollo erklärte, das Geschäftsmodell zu unterstützen und die Vorgabe der Europäischen Union einer mehrheitlich europäischen Eigentümerschaft erfüllen zu können. Die Strategie von Castlelake ist bisher unklar. Anfang August müssen beide Bieter detaillierte Offerten vorlegen.

Abzuwarten bleibt unterdessen, wie sich die ‌aktuelle Lage der Branche auf die schon länger anstehende Privatisierung der portugiesischen Staatsairline TAP auswirkt. Die Regierung in Lissabon ​will einen Minderheitsanteil von 44,9 Prozent verkaufen. Lufthansa und Air France-KLM haben Gebote angekündigt, die sie verbindlich bis 29. Juli vorlegen müssen. Entscheidend für die Regierung sei nicht nur der Preis, sondern auch die Strategie, hiess es zuletzt in Lissabon. Nicht nur das TAP-Drehkreuz Lissabon mit seinen Verbindungen nach Brasilien, sondern auch die Inlandsflüge und ‌die Anbindung der portugiesischen Inseln müssten gewährleistet ​sein.

(Reuters)