Seit seiner Ernennung wurden weder Bilder noch Tonaufnahmen von ihm veröffentlicht. Chamenei soll bei den Luftangriffen zu Beginn des Krieges Ende Februar, bei denen sein Vater und Vorgänger Ali getötet wurde, schwer verwundet worden sein. Die Fragen nach seinem Gesundheitszustand und seiner Rolle werden angesichts der kritischen Lage des Landes immer drängender. Der Iran steht vor entscheidenden Weichenstellungen in einem Krieg, der den Nahen Osten in Brand gesetzt und die ohnehin fragile Wirtschaft des Landes weiter geschwächt hat.
Regierungsvertretern und Insidern zufolge hat Chamenei weiterhin die Kontrolle. Er regiere aus Sicherheitsgründen aus dem Schatten heraus, während er sich von seinen entstellenden Verletzungen erhole. Die alltäglichen Amtsgeschäfte habe er an eine Gruppe hochrangiger Politiker delegiert.
Da es jedoch seit seiner Ernennung eine Woche nach Kriegsbeginn kein Lebenszeichen in Form von Fotos oder Videos gibt, wächst die Skepsis in der Bevölkerung. In der Islamischen Republik gilt das Wort des Obersten Führers eigentlich als absolut. «Die Frage ist nicht mehr, ob Modschtaba am Leben ist, sondern ob der Iran noch einen funktionierenden Obersten Führer hat», sagt Alex Vatanka vom Middle East Institute in Washington.
Chameneis einzige Botschaften an das iranische Volk bestanden bislang aus wenigen schriftlichen Erklärungen, die von Nachrichtensprechern verlesen wurden. Bei den einwöchigen Trauerfeierlichkeiten für seinen Vater im vergangenen Monat fehlte er. In der Führung wurde seine Abwesenheit mit der Angst vor einem Attentat begründet. Chamenei halte regelmässig Treffen mit Spitzenpolitikern ab, erhalte alle wichtigen Berichte und treffe die endgültigen Entscheidungen in allen bedeutenden Fragen, sagen Insider. So erklärte Präsident Massud Peseschkian am 10. August, er habe ein siebenstündiges Treffen mit Chamenei gehabt.
Dennoch machen sich selbst unter den grössten Anhängern der Islamischen Republik Zweifel breit. «Wir müssen die Stimme unseres Führers hören oder irgendein Zeichen sehen, dass er an der Spitze steht und das Land führt, um uns mehr Vertrauen zu geben», sagt ein Mitglied der Basidsch-Miliz in der Stadt Ghom, das anonym bleiben wollte.
Das Fehlen jeglicher Bilder schade der Moral
Er gehe zwar davon aus, dass Chamenei weiterhin die wichtigsten Entscheidungen treffe, das Fehlen jeglicher Bilder schade jedoch der Moral. Bei den Gegnern der Regierung ist die Wortwahl direkter. «Woher wissen wir, dass Modschtaba nicht getötet wurde?», fragt der regierungskritische Geschäftsmann Schahroch aus Teheran. Es sei unlogisch, dass es kein einziges Lebenszeichen gebe, geschweige denn Beweise für seine Beteiligung an Entscheidungen.
Ende Februar startete Israel mit Unterstützung der USA den Krieg gegen den Iran. Das Land ist infolgedessen angeschlagen, aber nicht zusammengebrochen. Das politische System hat gehalten. Das Militär ist weiterhin in der Lage, die weltweite Energieversorgung zu stören und US-Verbündete am Golf anzugreifen. Die Führung hat gezeigt, dass sie den Verlust eines Obersten Führers und hochrangiger Kommandeure verkraften kann.
Allerdings bricht die Wirtschaft wegen der Kosten des Konflikts und der monatelangen Blockade der Ölexporte ein. Dies hat die Währung Rial abstürzen lassen und birgt die Gefahr neuer Massenproteste. Bereits vor dem Krieg kam es im Januar zu ähnlichen Demonstrationen, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. In dieser Lage hat die mächtige Revolutionsgarde Insidern zufolge weiter an Einfluss gewonnen. Sie steht im Zentrum der strategischen Planungen des Nationalen Sicherheitsrates. Diesem Gremium gehören neben den obersten Kommandeuren der Garde auch Politiker wie Peseschkian und Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf an.
Mehreren Insidern zufolge ist Chamenei in die Beratungen dieses Zirkels vollständig eingebunden und hat bei allen wichtigen Fragen das letzte Wort. Nur eine kleine Anzahl von Personen habe direkten persönlichen Kontakt zu ihm, sagt ein hochrangiger iranischer Regierungsvertreter. Es würden keine Details über ihn veröffentlicht, um den USA keine Zielkoordinaten zu liefern. Sein Gesundheitszustand verbessere sich derweil deutlich, hiess es aus seinem direkten Umfeld. Er sei geistig klar und treffe Entscheidungen.
Bereits vor dem Krieg zog Chamenei als wichtigster Berater seines Vaters eine Rolle im Hintergrund vor. Bei den Luftangriffen der USA und Israels am 28. Februar, bei denen sein Vater getötet wurde, erlitt er Insidern zufolge Gesichtsverletzungen. Angesichts der schwersten Krise des Landes seit der Revolution von 1979 halten Experten seine Unsichtbarkeit jedoch für riskant. «Ein echtes Abkommen mit Washington erfordert Modschtabas unmissverständliche Zustimmung, ebenso wie jede Entscheidung, einen langen und kostspieligen Konflikt mit den USA aufrechtzuerhalten», erklärt Experte Vatanka. Seine anhaltende Abwesenheit habe eine gefährliche Situation geschaffen, in der rivalisierende Fraktionen behaupten könnten, den wahren Willen des Führers zu kennen.
(Reuters)

