cash.ch: Herr Spencer, Sie sind Mitglied der ABB-Konzernleitung und Leiter von «Motion» beziehungsweise Antriebstechnik, einem der drei ABB-Geschäftsbereiche. Wir führen dieses Gespräch in Indien, dem viertgrössten Markt von ABB hinter den USA, China und Deutschland. Wie ist die Umsatzaufteilung der drei ABB-Geschäftsbereiche in Indien?

Brandon Spencer: Auf Gruppenebene hat Antriebstechnik rund 25 Prozent Umsatzanteil. In Indien liegt der Anteil höher. Der ABB-Geschäftsbereich Elektrifizierung hat höhere Wachstumsraten. In den letzten Quartalen haben wir bei Antriebstechnik den Umsatz jedoch ebenfalls deutlich hochgefahren. Der Umsatz stieg in den letzten neun Quartalen. Im dritten Quartal waren es 9 Prozent. Wir haben einen Mix aus langzyklischen und kurzzyklischen Geschäften.

Wie spüren Sie in Indien den Druck durch lokale Wettbewerber oder durch Konkurrenten aus anderen asiatischen Ländern?

Indien ist ein wettbewerbsintensiver Markt. Aber das ist für uns nicht anders als beispielsweise in China oder auf anderen Märkten. ABB ist länger im indischen Markt tätig als viele unserer Mitbewerber, und wir verfügen über sehr robuste Vertriebskanäle. Wir hatten während 18 und 24 Monaten sicher einen Preisdruck erlebt. In den letzten ein bis zwei Quartalen hat sich das wieder eingependelt. Es gab durchaus einige Preiserhöhungen sowohl von unserer Seite als auch vonseiten der Wettbewerber, um mit den Rohstoffpreisen Schritt halten zu können. Beim Geschäftsbereich Antriebstechnik in Indien verspüren wir in diesem Jahr einen leichten Margendruck. Wir hatten dies aber bereits im Budget eingeplant im Wissen, dass dies so kommen würde. Ich denke also, dass wir den Preisdruck und die ausländischen Wettbewerber durchaus wahrnehmen. Aber dank unserer lokalen Präsenz, unserer Lagerbestände, unserer Vertriebspartner und wegen unseres Servicegeschäfts konnten wir in den letzten 24 Monaten tatsächlich Marktanteile gewinnen. In Indien verzeichnet Antriebstechnik seit zwei Jahren in Folge ein zweistelliges Wachstum.

Die Welt des Handels und der Politik ist in den letzten Jahren unberechenbarer geworden. Wie stabil ist Indien in dieser Hinsicht?

Ich gebe hier eine Einschätzung aus der Perspektive des ABB-Geschäftsbereichs Antriebstechnik ab. Für mich als Leiter dieser Sparte gab es in den letzten zwölf Monaten natürlich viele Herausforderungen. Die Situation haben wir aufgrund der freundlichen Haltung des Landes gegenüber anderen Handelspartnern als ziemlich stabil erlebt, egal ob wir Waren nach Südamerika, in die USA oder auf den heimischen Markt liefern. Wir exportieren bei Antriebstechnik weniger als rund 15 Prozent der Waren aus Indien. Bei unserer «Local for Local»-Strategie weltweit spielen geopolitische Faktoren zwar eine Rolle, aber keine überproportionale. Wir betrachten solche Entwicklungen über einen längeren Zeitraum. Mit Zyklen und geopolitischen Entwicklungen haben wir gelernt umzugehen.

Ihr Bereich Antriebstechnik, aber auch der Geschäftsbereich Automation standen in den letzten rund zwei Jahren im Schatten des dritten ABB-Geschäftsbereiches Elektrifizierung, die wegen des Booms bei Datenzentren hohe Wachstumsraten aufweist und nun mehr als die Hälfte zum Gruppenumsatz beiträgt. Die ABB-Aktie ist vor allem deswegen massiv angestiegen. Entwickelt sich da für ABB ein Klumpenrisiko?

Man kann das auf zwei Arten betrachten. Zu unserer aktuellen Wachstumsrate trägt das Rechenzentrumsgeschäft natürlich weltweit bei. Das wirkt sich auch auf unseren regionalen Geschäftsmix hier in Indien aus. Aber wenn man es ganzheitlich betrachtet: Im letzten Jahr machte das Rechenzentrumsgeschäft 9 Prozent des Konzernumsatzes aus. In diesem Jahr wird es mehr sein. Nehmen wir an, der Anteil liegt in diesem Jahr im niedrigen Zehnerbereich. Im Bereich Antriebstechnik trugen Rechenzentren weniger als 5 Prozent zum letztjährigen Umsatz bei. Rechenzentren sind also nicht übergewichtet. Wir profitieren zwar von diesem Megatrend, sind aber nicht übermässig darauf ausgerichtet. Ebenfalls wichtig: Wir bauen keine eigenen Fabriken, die sich ausschliesslich auf Rechenzentren konzentrieren.

Sondern?

Nehmen Sie das spezialisierte Fertigungswerk für Frequenzumrichter und Antriebssysteme hier im indischen Bangalore. Diese Technologien gehen an die Metall-, Zellstoff- und Papierindustrie, an Stromerzeuger, an die Schifffahrt, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, an Rechenzentren und so weiter. Wenn man bedenkt, dass gut 90 Prozent unseres Geschäfts aus anderen Branchen stammen, halte ich es für ein vertretbares Risiko. Wir sind zudem davon überzeugt, dass die Infrastruktur (bei Rechenzentren, Anm. der Red.) im Laufe der Zeit ausgebaut wird. Wir finanzieren keine Vorhaben über unsere eigene Bilanz. Betrachtet man das Gesamtrisiko, so bewegt sich dies meines Erachtens durchaus innerhalb unserer Risikoparameter.

Wie wollen Sie das Wachstum Ihres Bereiches Antriebstechnik weltweit beschleunigen? Eher organisch oder über Akquisitionen?

Auch meine Sparte arbeitet an anorganischem Wachstum. Eine Ergänzung muss aber zu unserem Unternehmenszweck passen, zu unserem Profil für profitables Wachstum und zur Unternehmenskultur. Wir sind aktiv auf der Suche nach Möglichkeiten. Wir wollen bei Antriebstechnik jährlich einen anorganischen Umsatzzuwachs im Bereich von 1 bis 2 Prozent erzielen, genau wie es das Ziel des Konzerns ist. Organisches Wachstum ist für uns ebenfalls wichtig, vor allem die «Local for Local»-Strategie wie zum Beispiel in Indien oder in China. Wir verzeichnen nun bereits sechs Quartale in Folge ein Auftragswachstum bei Antriebstechnik. Unsere Absicht ist es, die Aufträge weiter zu steigern und die Rentabilität schrittweise zu verbessern. Mit etwa 19 Prozent liegen wir im Bereich der 18 bis 22 Prozent, die wir als Margenkorridor für den Geschäftsbereich den Aktionären avisiert haben.

Glauben Sie, dass der ABB-Geschäftsbereich Antriebstechnik eines Tages die Nummer eins im Konzern werden könnte?

Angesichts der derzeitigen Grösse unseres Elektrifizierungsgeschäfts und der aktuellen Entwicklungen würde ich sagen: Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass der Bereich Elektrifizierung weiterhin hervorragende Arbeit leistet und in seinen Märkten die Nummer eins oder zwei bleibt. Ich denke, dass die Sparte Elektrifizierung diesen Kurs fortsetzen wird. Ich bin ein grosser Unterstützer der beiden anderen Geschäftsbereiche Elektrifizierung und Automation, aber wir bei Antriebstechnik vergleichen uns mit dem Markt. In Indien sieht es ähnlich aus, und wir haben diese Ambition in den letzten zwei Jahren erfüllt. Ich glaube, wir sind auf bestem Weg, das auch in diesem Jahr zu schaffen.

Ein zentraler Claim von ABB lautet: «Leaner and cleaner», also schlanker und sauberer. ESG und Nachhaltigkeit scheinen nun einigen Firmen nicht mehr so wichtig zu sein. Wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?

Nein. Da gibt es das, was man so hört, und dann die Interaktionen, die wir mit Kunden haben. Wenn wir einem Kunden ein Wertversprechen unterbreiten und zum Beispiel sagen: «Wir können Ihr Stahlwerk um so und so viel effizienter machen», oder wenn es sich um ein Rechenzentrum handelt und dem Kunden sagen: «Wir können Ihnen so und so viel überschüssige Energie zur Verfügung stellen, die Sie für Rechenleistung nutzen können» - Das sind Botschaften, die im Gedächtnis bleiben. Klar, der Markt für grünen Wasserstoff, um den es einen Hype und grosse Hoffnungen gab, steht unter Druck. Und wir sehen eine kleine Renaissance der Kernenergie, sowohl bei der traditionellen Kernkraft als auch bei Miniatomkraftwerken. Der Fokus verschiebt sich also ein wenig, aber wir merken nicht, dass Nachhaltigkeit oder den damit verbundenen Lösungen der Rücken zugekehrt wird. Wir setzen das in unseren ABB-Standorten um, und wir sehen weiterhin, dass dies auch die Kunden tun.

Speziell in den USA schlägt das Pendel bei Umweltanliegen und Nachhaltigkeit zurück...

...ich lebe ja in den USA. Natürlich würden viele Menschen ausserhalb der USA behaupten, die USA hätten sich von der Nachhaltigkeit verabschiedet. Doch das stimmt absolut nicht. Ich lebe in Texas: Dort gibt es den landesweit grössten Ausbau erneuerbarer Energien, aber gleichzeitig auch das grösste Öl- und Gasgeschäft des Landes. Ich denke, genau das spiegelt die heutige Zweiteilung der Energiebranche wider: Es ist ein «Sowohl-als-auch». Einfach deshalb, weil der Energiebedarf enorm gestiegen ist.

Ich frage auch wegen des grossen Stromausfalls in Spanien und Portugal im letzten Jahr, der im Grunde auf erneuerbare Energien zurückzuführen war.

Man erkennt erst, wie wichtig Strom wirklich ist, wenn man ihn nicht mehr hat. Was in Spanien vorgefallen ist, lag sicherlich zum Teil an der Integration erneuerbarer Energien, aber zum Teil waren auch einige Kraftwerke ausser Betrieb. Die rotierende Reserve reichte nicht aus, um den Ausfall auszugleichen, und sobald eines ausfällt, kommt es zu einem Dominoeffekt, weil sich ein Kraftwerk selbst schützt, indem es sich abschaltet. Und genau das ist in Spanien passiert. Es gab nicht genügend rotierende Reserve.

Welche Lehren hat man daraus gezogen?

Wir haben nun an drei verschiedenen Standorten in Spanien Lösungen zur Netzstabilität bereitgestellt. Diese Technologie heisst Synchronkondensator. Wir setzen sie etwa auch in Australien, Aserbaidschan, Irland, Kanada oder den USA ein. Anlagen mit erneuerbarer Energie befinden sich oft an sehr abgelegenen Standorten – weit entfernt von den Orten, an denen Strom tatsächlich benötigt wird. Anstatt dort lediglich Energie zu verbrauchen, speist man nun Strom in das Netz ein. Deshalb setzen wir an solchen Schwachstellen oder Netzknotenpunkten im ganzen Land diese speziellen Lösungen ein, um das Netz zu stabilisieren. Um so zu verhindern, dass sich ein Ereignis wie das in Spanien wiederholt. Die Technologie von ABB verbreitet sich nun weltweit.

Die ABB-Aktie hat nach einem Anstieg von teils über 50 Prozent in diesem Jahr zuletzt deutlich korrigiert. Ist der Investment Case ABB vorbei?

Nein, natürlich nicht. Wir wollen weiter wachsen und unsere Rentabilität steigern. Wir waren stets konsequent darin, das umzusetzen, was wir sagen. Wir können nicht beeinflussen, welche Nachrichten es zu KI oder ähnlichen Themen gibt. Aber ich denke, dass unser Bekenntnis zu unseren Zielen, die Umsetzung unserer Versprechen und die Beständigkeit genau das sind, was man von unserem Führungsteam erwarten kann. Wir werden weiterhin konsequent das umsetzen, was wir versprechen.

Die ABB-Aktie ist, wenn man das grosse Markt-Exposure der Firma in China oder Indien betrachtet, gewissermassen auch eine Wette auf die Schwellenmärkte.

Ja, zum Teil. Nordamerika ist der weltweit grösste Markt für ABB. Deutschland liegt auch vorn, und wenn man Europa als Ganzes betrachtet, ist der Kontinent eindeutig an zweiter Stelle hinter den USA. Es ist also eine Mischung. Je nach Megatrend oder einem gerade stattfindenden Superzyklus könnten wir bisweilen etwas stärker gewichtet sein. Wenn es etwa um den Bergbau oder Ähnliches geht, dann gewinnt zum Beispiel Lateinamerika deutlich an Bedeutung. Wir profitieren von den Schwellenmärkten, wir haben aber gleichzeitig die Beständigkeit der reifen Märkte in Europa und den USA.

Der US-Amerikaner Brandon Spencer ist Mitglied der ABB-Konzernleitung und seit August 2024 Leiter des globalen Geschäftsbereichs Antriebstechnik. Er ist seit 2006 bei ABB beschäftigt. Zuvor war Brandon Spencer für fünf Jahre bei Siemens Power Generation tätig.

Das Interview mit Brandon Spencer fand anlässlich einer von ABB organisierten Medienreise nach Bangalore (Indien) statt.

 

Daniel Hügli
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