«In Italien ist kaum Besserung in Sicht»

Das Ehepaar Bleuler-Staerkle arbeitet seit 1973 im Hotelgewerbe in der Toskana.Wieso kommt Italien nicht vom Fleck? Und was nervt sie an der Schweiz? Teil 3 der cash-Interviewserie zum Jahresende mit Auslandschweizern.
18.12.2013 01:00
Interview: Ivo Ruch
Das Ehepaar Bleuler-Staerkle: «Das Gastgewerbe leidet unter einer starken Überregulierung.»
Das Ehepaar Bleuler-Staerkle: «Das Gastgewerbe leidet unter einer starken Überregulierung.»
Bild: ZVG

Bis Ende dieser Woche veröffentlicht cash jeden Tag ein Interview mit Schweizern, die im Ausland leben und arbeiten. Sie beurteilen die wirtschaftliche Situation in ihrem Gastland - und, von aussen betrachtet, die Lage der Schweiz. Heute: Das Hotelier-Ehepaar Anne-Marie (63) und Ulderico (66) Bleuler-Staerkle. Sie haben ihren Lebensmittelpunkt seit 1973 im toskanischen Chianti-Gebiet, wo sie seit 1987 das Hotel und Restaurant Villa Sangiovese führen. Das Paar hat zwei Töchter.

cash: Wie fällt die Bilanz für Ihr Hotel im 2013 aus?

Anne-Marie und Ulderico Bleuler-Staerkle: Unser Geschäftsjahr war unter dem Strich schlecht. Wir hatten weniger Übernachtungen als 2012 und machten etwa 10 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr.

Die Wirtschaft in Italien stagniert seit Jahren. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in Italien für 2014?

Es ist kaum Besserung in Sicht. Es müssten endlich tiefgreifende Reformen angepackt werden, damit sich Italien aus dem negativen Wirtschaftsumfeld befreien könnte.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit die italienische Wirtschaft zu Wachstum zurückfindet?

In erster Linie braucht Italien eine neue Politiker-Generation, wie sie beispielsweise Matteo Renzi, der Bürgermeister von Florenz, verkörpert. Von dieser Generation erhoffen wir uns, dass sie das Wahlgesetz reformiert und anschliessend der Wirtschaft neue Impulse gibt.

Welche Probleme gibt es konkret in der Hotellerie?

Wir erleben in Italien allgemein einen zunehmenden Steuerdruck. Das Gastgewerbe leidet zudem unter einer starken Überregulierung. Die Fülle an Regeln und Vorschriften ist viel grösser als in der Schweiz. Aber das Schlimmste ist, dass die Regelhüter sehr intransparent vorgehen und ihre Aktionen unberechenbar sind. Das betrifft nicht nur die Arbeit, sondern auch den Alltag in Italien. Das nervt uns mitunter sehr.

Wie hat sich das Umfeld für Hoteliers in der Toskana seit Ihrer Anfangszeit verändert?

1984 wurde in Italien der Agriturismo, also das Übernachten auf dem Bauernhof, und die Vermietung von Ferienwohnungen legalisiert. Seither hat sich die Zahl der Übernachtungen in den Hotels stetig verringert.

Welche Vorzüge bietet Italien gegenüber der Schweiz?

Die Lebenskultur im Bel Paese und die vielen Sonnenstunden sind nach wie vor unvergleichlich.

Was raten Sie Schweizern, die nach Italien auswandern möchten?

Wer in Italien arbeiten möchte, dem raten wir im Moment vom Auswandern ab. Zu schlecht ist die wirtschaftliche Situation. Um den Ruhestand zu geniessen, ist Italien aber immer noch ein wunderbarer Ort. Allerdings wird seit Kurzem eine neue Immobiliensteuer erhoben, die den Erwerb von Wohneigentum teurer macht. Gerade auch in der Toskana sind die Häuserpreise in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen und keine Schnäppchen mehr.

Würden Sie rückblickend den Schritt ins Ausland noch einmal wagen?

Wenn wir erneut in den 1970-er Jahren wären, dann würden wir dasselbe noch einmal machen. Aber unter den jetzigen Umständen würden wir wahrscheinlich nicht mehr auswandern.

Was bedeutet für Sie die Schweiz noch?

Die Schweiz ist für uns das Heimatland, wo ein Teil unserer Familie lebt.

Wie oft reisen Sie in die Schweiz?

Wir sind etwa vier bis fünf Mal im Jahr in der Schweiz. Entweder um die Familie zu besuchen oder aus medizinischen Gründen. Das machen wir meist in den Wintermonaten, wenn das Hotel geschlossen ist.

Wie informieren Sie sich über die Geschehnisse in der Schweiz?

Wir haben die NZZ abonniert und lesen sie regelmässig. Zudem erfahren wir viel von unseren Schweizer Gästen und unseren Familienangehörigen. Die grossen italienischen Medien wie der Corriere della Sera berichten selten über das Geschehen in der Schweiz. Für sie ist das Ausland oft nur ein Randthema.

Was nervt Sie, wenn Sie in der Schweiz sind?

Uns fallen jedes Mal die vielen freudlosen Gesichter in der Schweiz auf. Zudem zeigen die Schweizer in unseren Augen weniger Kommunikationsbereitschaft als die Italiener. Aus wirtschaftlicher Sicht wird in der Schweiz das Geld viel mehr gehortet als ausgegeben. In Italien ist das anders – wenn die Leute denn Geld haben.

Nehmen Sie als Auslandschweizer an Abstimmungen teil?

Ja, wir stimmen sehr regelmässig ab. Allerdings können wir nur auf Bundesebene mitbestimmen.

In welchem Land legen Sie privat Ihr Vermögen an?

Unser Geld ist in Italien angelegt. Das beste Investment, das wir je getätigt haben, ist bestimmt unser Hotel und das dazugehörende Land, das wir 1987 gekauft haben und das seither einen grossen Wertzuwachs erlebt hat. Allerdings ist die Chianti-Gegend mittlerweile überteuert und der Verkauf einer Immobilie ist schwieriger als auch schon.

Wo und wie verbringen Sie die Festtage?

Unsere beiden Töchter kommen zu Besuch und wir feiern zu Hause in Panzano in Chianti. Nach der Weihnachtsmesse gibt es traditionellerweise Tortellini in bordo und Cappone farcito.

Was wünschen Sie sich für 2014?

In erster Linie gute Gesundheit. Und mehr Gäste wären sehr willkommen.