Bei einem Gipfeltreffen ab Montag will der ehemalige Zentralbankchef und Goldman-Sachs-Manager viele Milliarden Dollar an Kapital für mehr als 160 Projekte ‌anwerben. Eingeladen ⁠sind einem Insider zufolge etwa die Chefinnen und Chefs grosser Finanzfirmen wie BlackRock und Blackstone, des singapurischen Staatsfonds Temasek und des niederländischen Pensionsfonds APG Groep.

Die ⁠Gespräche, die schwerpunktmässig am Dienstag stattfinden, sollen den Weg für künftige Investitionen ebnen. Bis zum Abschluss grösserer Geschäfte dürften aber zwölf bis 18 Monate vergehen, verlautete aus Regierungskreisen. Carney ‌will in den kommenden fünf Jahren Investitionen in Höhe von einer Billion kanadischer Dollar (620 Milliarden Euro) anlocken.

Geplant ‌sind Projekte in den Bereichen Bergbau, Energie, Technologie und Infrastruktur. Die Investoren, ​die mehr als 120 Billionen kanadische Dollar verwalten, würden sich das Angebot genau ansehen, da die Welt nun mit anderen Augen auf Kanada blicke, sagte Carney am Sonntag.

Die Gewinnung von ausländischem Kapital ist für Kanadas Wirtschaft enorm wichtig, um die Zölle der USA – Kanadas wichtigstem Handelspartner – abzufedern. US-Präsident Donald Trump hat nach dem Scheitern von Handelsgesprächen Kanada mit Zöllen von 50 Prozent auf Autos, Lastwagen, Autoteile und Stahl gedroht. Carney bemüht sich zudem, neue Geschäftspartner ‌in Nahost und in Asien zu finden sowie die Allianz mit Europa zu stärken.

Um Bedenken von Investoren wegen langwieriger Genehmigungsverfahren zu zerstreuen, kündigte Finanzminister Francois-Philippe Champagne am Montag an, dass die Steuerbehörde Vorabanfragen für Investitionen ab einer Milliarde kanadischer Dollar künftig vorrangig behandeln werde. So sollen Geldgeber schnell eine verbindliche Entscheidung zur steuerlichen Behandlung ​erhalten, bevor sie Kapital binden.

Einem Reuters vorliegenden Prospekt zufolge zielt der Gipfel darauf ab, rund 100 globale ​Investoren mit kanadischen Unternehmenschefs und lokalen Behörden zusammenzubringen. Das Portfolio umfasst Projekte in verschiedenen Entwicklungsstadien. Ein ​Schwerpunkt liegt auf dem Technologiesektor mit 96 geplanten Rechenzentren.

Zu den Möglichkeiten gehören eine Kapitalbeteiligung an dem Quantencomputer-Unternehmen Xanadu, dessen Kommerzialisierung für die Jahre 2029 bis 2030 angestrebt wird, sowie die ‌Finanzierung eines auf Künstliche Intelligenz ausgerichteten Campus in der Provinz New Brunswick. Auf der Liste steht zudem ein Projekt, das kohlenstoffarmes Nickel für Batterien und grünen Stahl produzieren soll. I

Die ausländischen Direktinvestitionen in Kanada sind seit 2022 gestiegen. Ein Grossteil davon floss aber in Fusionen und Übernahmen. Greenfield-Investitionen – also Ausgaben für ​den Bau neuer ​Fabriken und Anlagen auf der grünen Wiese – haben seit Carneys Amtsantritt keinen ⁠nennenswerten Aufschwung erlebt.

Die Prioritäten der Regierung Carney markieren eine Abkehr von der Politik seines ​Vorgängers Justin Trudeau. Dieser hatte sich stärker ⁠auf Menschenrechte, Klimawandel und die Belange der indigenen Bevölkerung konzentriert. Carney erklärte, er freue sich auf saudische Investoren und habe die Beziehungen zu Indien und ‌China wieder verbessert.

Flankiert wird die Initiative von der heimischen Finanzbranche: Die Bank TD kündigte an, in den kommenden fünf Jahren 150 Milliarden kanadische Dollar für die Kreditvergabe und Finanzierung von Projekten bereitzustellen. Scotiabank sagte 100 Milliarden zu.

Die Pläne stossen aber auch ‌auf Widerstand. Gewerkschaften, indigene Gruppen, Wohnungsbauinitiativen sowie Klima- und Antikriegsorganisationen warnen, Investoren konnten auf Kosten einfacher Kanadier von Wohnungsspekulation, ​dem Ausbau fossiler Brennstoffe und Rüstungsinvestitionen profitieren. Für Montag war ein Protestmarsch in Toronto geplant.

Der Aktivist Nick Barry-Shaw von der Interessengruppe Council of Canadians kritisierte, das Treffen der Investoren komme eher einer Privatisierungskampagne als dem Aufbau des Landes gleich. «Dies ist kein Investitionsgipfel. Dies ist ein Privatisierungsgipfel», sagte er. «Das Land wird verkauft.»

(Reuters)