Die längste Phase ohne grössere Kurskorrekturen am US-Aktienmarkt seit der Zeit vor der Covid-19-Pandemie ist beendet. Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Booms und ein Bericht, der den stärksten Anstieg der Verbraucherpreise seit April auswies, liessen den S&P 500 um 1,1 Prozent fallen.

Damit endete eine Serie von 53 Handelstagen ohne einen Tagesverlust von 1 Prozent - das ist die längste derartige Phase seit Januar 2020. Dieser abrupte Stimmungsumschwung ist auf computergestützte «Quant»-Fonds zurückzuführen, welche sich von Positionen getrennt haben. Dies, nachdem diese in den vergangenen Wochen bei anhaltend niedriger Volatilität massiv Aktien gekauft hatten.

Die Schwäche bei grossen Technologiekonzernen, die den vierjährigen Aufwärtstrend des S&P 500 massgeblich getragen hatten, verstärkte die allgemeine Risikoaversion an den Märkten. Dies schürt Sorgen, dass dem Leitindex weitere Verluste drohen könnten. Ein viel beachteter Index für Halbleiteraktien gab den sechsten Tag in Folge nach und summierte seine Verluste in diesem Zeitraum auf fast 12 Prozent.

«Einigen der stärker gestiegenen Aktien - etwa aus dem Chipsektor oder dem Bereich KI-Infrastruktur - geht nun der Wind aus den Segeln», erklärte Chris Zaccarelli, Chief Investment Officer bei Northlight Asset Management. Er fügte hinzu, dass die Inflationsdaten die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed verstärkt hätten. «Der Markt hatte gehofft, dass es im September bei einer einzigen Zinserhöhung bleiben würde; die heutigen Daten machen dieses Szenario deutlich unwahrscheinlicher.»

Offizielle Daten vom Mittwoch zeigten, dass die Verbraucherpreise im September gegenüber dem Vormonat um 0,6 Prozent gestiegen sind - der stärkste Anstieg seit April. Dies bestärkt die Erwartungen hinsichtlich weiterer Zinsschritte, selbst falls die Fed im Oktober eine Zinspause einlegen sollte. Der zinssensitive Russell 2000 Index, der kleinere Unternehmen umfasst, fiel um 1,9 Prozent und weitete damit seinen Rückgang seit dem Höchststand im August auf 11 Prozent aus.

Der Ausverkauf bei Aktien setzte sich fort, obwohl die Renditen von Staatsanleihen von ihren Tageshöchstständen zurückgingen, die sie nach Veröffentlichung der US-Inflationszahlen erreicht hatten.

Neoclouds im Fokus

Zusätzliche Unruhe am Markt lösten Unternehmensanleihen des auf KI-Cloud-Computing spezialisierten Anbieters CoreWeave aus. Die Kurse sind auf ein Niveau abgestürzt, das typischerweise auf eine finanzielle Schieflage hindeutet. Laut Preisdaten von «Trace» notierten die unbesicherten Anleihen des Unternehmens mit Fälligkeit im Jahr 2032 am Mittwoch bei unter 80 Cent pro Dollar - ein Wert, der gemeinhin als Schwelle für finanzielle Schwierigkeiten eines Kreditnehmers gilt. Die Aktien des Unternehmens sackten um 15 Prozent ab.

«An Tagen, an denen wir uns Sorgen um Kreditrisiken machten, entwickelten sich Tech-Aktien gut und an Tagen, an denen wir uns Sorgen um Tech-Aktien machten, entspannte sich die Lage bei den Kreditrisiken», erklärt Matt Maley, Chefmarktstratege bei Miller Tabak. «Heute treten beide Probleme gleichzeitig auf.»

Der Grossteil der Kursverluste am Mittwoch konzentrierte sich auf den Technologiesektor. Der Nasdaq-100-Index stürzte um 2 Prozent ab - sein schlechtester Tag seit Juli -, während die «Magnificent Seven» - die führenden Tech-Werte - in ähnlichem Ausmass nachgaben. Apple beendete den Tag als einziger Wert im Plus - mit einem Zuwachs von 0,5 Prozent.

«Wir haben bereits gesehen, dass Halbleiterwerte im Zuge steigender Zinsen nachgegeben haben. Sollten nun auch die ‹Magnificent Seven› unter dem Druck der Zinsen fallen, würde dies unsere Prognose eines ‹roten Oktobers› (eines Börsenmonats mit deutlichen Kursverlusten) weiter untermauern», so Jonathan Krinsky, Chef-Markttechniker bei BTIG.

Selbst nach dem Rückgang am Mittwoch liegt der S&P 500 nur 1,3 Prozent unter seinem erst letzte Woche erreichten Rekordstand. Der Cboe Volatility Index, kurz VIX, notiert aktuell bei etwa 17 Prozent - also unter der 20er-Marke, die üblicherweise als Signal für Marktspannungen gilt.

Eine gute Nachricht für Aktien-Optimisten: Sogenannte diskretionäre Fondsmanager - also solche, die ihre Entscheidungen auf Basis von Wirtschaftswachstum und Ertragsstärke treffen - könnten bei einem weiteren Kursrückgang dazu verleitet werden, in den Markt einzusteigen. Bislang haben sie die rekordverdächtige Aktienrallye der vergangenen Wochen weitgehend von der Seitenlinie aus beobachtet.

Wie aus Daten der Deutschen Bank hervorgeht, haben Sorgen - etwa hinsichtlich hoher Renditen für US-Staatsanleihen oder der Lage im Iran - dazu geführt, dass die Aktienquote bei diesen diskretionären Anlegern auf das untere Drittel ihrer üblichen Spanne gefallen ist.

Den Daten der Bank zufolge hat die Diskrepanz zwischen diskretionären und regelbasierten Fonds den zweithöchsten Stand seit 2020 erreicht.

(Bloomberg/cash)

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