In Brasilien entscheiden die Menschen am Sonntag in einer Richtungswahl über den künftigen politischen Kurs des grössten Landes Lateinamerikas. Bei der Präsidentschaftswahl zeichnet sich ein enges Rennen zwischen dem linksgerichteten Amtsinhaber Luiz Inacio Lula da Silva und seinem konservativen Herausforderer, Senator Flavio Bolsonaro, ab. Einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Instituts Datafolha zufolge liegt Lula in einer möglichen Stichwahl mit 48 Prozent knapp vor Bolsonaro, der auf 45 Prozent kommt.
In der ersten Runde der Wahl, bei der 13 Kandidaten antreten, führt Lula mit 42 Prozent vor Bolsonaro mit 38 Prozent. Weit abgeschlagen folgen Augusto Cury mit vier Prozent sowie Ronaldo Caiado und Renan Santos mit jeweils drei Prozent. Sollte am Sonntag kein Kandidat mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen erhalten, kommt es am 25. Oktober zur Stichwahl. Lula, eine Ikone der globalen Linken, strebt insgesamt seine vierte Amtszeit an, allerdings mit Unterbrechungen. Sein Herausforderer Flavio Bolsonaro ist der älteste Sohn des ehemaligen rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro.
Bolsonaro senior war im vergangenen Jahr wegen eines geplanten Staatsstreichs nach seiner Wahlniederlage 2022 verurteilt worden, was unter anderem von US-Präsident Donald Trump als «Hexenjagd» kritisiert wurde. Während des Wahlkampfs warnte Lula vor ausländischer Einmischung und neuen US-Zöllen. Seine Amtszeit war von Spannungen mit Trump geprägt, die Familie Bolsonaro pflegt dagegen traditionell enge Kontakte nach Washington.
Innere Sicherheit zentrales Thema
Lulas komfortabler Vorsprung aus dem Frühjahr ist im Laufe des Wahlkampfs geschrumpft. Trotz Erfolgen bei der Senkung der Arbeitslosigkeit kämpfen viele Brasilianer mit steigenden Lebenshaltungskosten, hoher Verschuldung und der zunehmenden Macht krimineller Banden. Bei diesem Thema stehen sich zwei gegensätzliche Konzepte gegenüber: Während Bolsonaro den Bau von fünf Hochsicherheitsgefängnissen nach dem Vorbild El Salvadors verspricht, setzt Lula auf internationale Kooperation, lehnt jedoch eine Einstufung der Banden als Terrororganisationen ab.
Um unentschlossene Wähler zu gewinnen, die laut einer Quaest-Umfrage vom Montag noch fünf Prozent der Wählerschaft ausmachten, brachte die Regierung zuletzt ein erweitertes Sozialprogramm, Entlastungen für verschuldete Familien sowie Massnahmen gegen Online-Wetten auf den Weg. Lula steht unter Druck, weil gegen seinen Sohn Fabio Luis wegen mutmasslicher Einflussnahme ermittelt wird. Überschattet wird die Wahl zudem von einem Korruptionsskandal um die insolvente Banco Master. Das Verfahren wegen eines mutmasslichen Milliardenbetrugs belastet das gesamte politische Spektrum und führte auch zu Ermittlungen wegen Geldwäsche gegen Senator Bolsonaro.
(Reuters)

