«Korrektur an den Börsen ist nur kurzfristig»

Die Zypern-Krise könnte auf andere kleine Staaten übergreifen, befürchtet Anastassios Frangulidis im cash-Interview. Der Chefökonom der Zürcher Kantonalbank über mögliche Gefahren für die Aktienmärkte.
18.03.2013 12:47
Interview: Pascal Meisser
ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis.
ZKB-Chefökonom Anastassios Frangulidis.
Bild: cash

cash: Herr Frangulidis, die Börsen haben weltweit auf das Zypern-Hilfspaket negativ reagiert. Drohen weitere Verluste?

Anastassios Frangulidis: Zunächst muss abgewartet werden, ob das zypriotische Parlament die Beschlüsse vom Samstag gutheisst. Bei einem Ja, was wahrscheinlich ist, bleibt die Korrektur kurzfristig. Sollten die Beschlüsse aber abgelehnt werden, käme es zu Nachverhandlungen zwischen der Eurozone und der zypriotischen Regierung. In einem solchen Fall müssten wir mit schlechteren Börsen rechnen, da die Unsicherheiten deutlich ansteigen würden.

Sollen Anleger also eher ein- als aussteigen?

Sie sollten zunächst Ruhe bewahren und an ihren Positionen festhalten. Der Aufwärtstrend ist noch nicht gebrochen. Nach den monatelangen steigenden Kursen hätten wir ohnehin bald eine Korrektur sehen müssen, da die Märkte überkauft sind. Der aktuelle fundamentale Hintergrund ist deshalb ein quasi willkommener Ausgangspunkt für eine Konsolidierung.

Im Gegenzug ist der Franken wieder deutlich stärker geworden. Nur vorübergehend?

Davon gehe ich aus. Die Reaktion des Franken ist so zu deuten, dass von Zypern eine bedeutende Gefahr einer Signalwirkung ausgeht. Die Eurozone wird deshalb in der nächsten Zeit wiederholt kommunizieren, dass Zypern ein Sonderfall bleibt, um die Auswirkungen des Signals herunterzuspielen. Der Franken wird in den kommenden Wochen eher wieder schwächer tendieren.

Erstmals werden in der Geschichte der Eurozone Kleinsparer zur Kasse gebeten. Wollte die EU ein Exempel statuieren?

Es sieht ganz danach aus. Etwas Vergleichbares hatte es noch nie zuvor seit Bestehen der Eurozone geben. Es ist ein klarer Tabubruch. Der Entscheid ist für die Bürger des kleinen Landes sehr hart. Vermutlich hätten wir einen solchen Entscheid nicht gehabt, stünden im September nicht die Bundestagswahlen in Deutschland auf dem Programm.

Die Zyprioten sind über die ihnen auferzwungene Zahlung empört. Zu Recht?

Selbstverständlich. Es werden Kleinsparer angefasst, die über Jahre gespart und ihr Einkommen versteuert haben. Und jetzt kommt nochmals eine Sondersteuer. Die Sparer müssen nun für die Krise aus dem Bankensektor geradestehen.

Die Eurozone spricht von einem Einzelfall in Zypern. Ist das glaubwürdig?

Sie muss von einem Einzelfall sprechen. Andernfalls hätten wir eine enorme und unabsehbare Krise vor uns. Vor drei Jahren, bevor Griechenland, Irland und Portugal Hilfskredite bekamen, hätte die Eurozone niemals einen solchen Entscheid gefällt. Denn dieser hätte fatale Folgen gehabt, und die Gefahren eines Flächenbrands wären gross gewesen.

Und heute? Könnte nun in anderen finanzarmen Ländern aus Angst vor einer Sondersteuer eine Kapitalflucht einsetzen?

Nein, daran glaube ich nicht. In Irland und Portugal greifen die Hilfsprogramme der Eurozone. Dort wird man sich davor hüten, die Sparer zu belasten. Solche Gefahren sind in anderen Ländern, die sich noch nicht unter dem Rettungsschirm befinden, vorstellbar. Ich denke da beispielsweise an Slowenien.