Sollte sie ihr Amt vorzeitig niederlegen, ‌dann ⁠höchstens um wenige Monate, sagte sie der Zeitung «La Croix» in einem am Mittwoch veröffentlichten ⁠Interview. Lagardes Vertrag läuft offiziell bis Ende Oktober 2027, im April sind aber bereits die ‌französischen Präsidentschaftswahlen.

Seit Monaten wird spekuliert, Lagarde könnte sich so ‌frühzeitig von der EZB-Spitze zurückziehen, dass über ​ihre Nachfolge noch der scheidende Präsident Emmanuel Macron mitbestimmen kann. In Umfragen werden der euroskeptischen Rechtspopulistin Marine Le Pen gute Chancen eingeräumt, Macrons Nachfolgerin zu werden.

Lagarde äusserte sich in dem Interview vom Mittwoch auch zurückhaltend zu Überlegungen, selbst bei der ‌französischen Präsidentschaftswahl anzutreten. Das sei «überhaupt keine gute Idee», sagte die 70-Jährige. «Erstens ist da die Frage der Vitalität, der Energie und der Kraft», sagte Lagarde. Zudem erfordere ein solches ​Engagement unweigerlich Opferbereitschaft.

An der Spitze der EZB hatte es ​zuletzt bereits personelle Veränderungen gegeben. Das Direktoriumsmitglied Isabel ​Schnabel war zurückgetreten, um eine Führungsposition beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu übernehmen. 2027 wird neben Lagardes Präsidentenposten auch die ‌Position des EZB-Chefvolkswirts neu besetzt.

Den europäischen Finanzsektor skizzierte Lagarde in dem Interview als solide: «Wir sind weder im Jahr 2008 noch 2011: Das europäische Finanzsystem ist viel robuster.» ​Länder ​wie Griechenland, Portugal und Irland hätten nach ⁠schmerzhaften Krisen ihre Staatsfinanzen saniert und verzeichneten nun ​oft ein überdurchschnittliches Wachstum.

Mit Blick ⁠auf ihr Heimatland äusserte sich Lagarde indes besorgt. Frankreich befinde sich in einer ‌gefährlichen finanziellen Lage. «Wenn sich die Verschuldung 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nähert und es keinen klaren Kurs gibt, um den Anstieg zu kontrollieren, ist ‌das ein ernstes Problem», sagte sie. Um das Vertrauen wiederherzustellen, ​seien ein glaubwürdiger Weg, kollektive Entschlossenheit und Reformen nötig. Lagarde forderte einen Abbau von Bürokratie, tiefgreifendere Arbeitsmarktreformen und Anpassungen im Rentensystem angesichts der steigenden Lebenserwartung.

(Reuters)