«Leider habe ich keine Kristallkugel»

Ein Versicherer wie Zurich muss vorsichtig anlegen. Im cash-Interview betont Anlagechefin Cecilia Reyes die Vorteile der Langfrist-Strategie und sie äussert sich auch zur Zurich-Aktie.
22.10.2014 01:01
Interview: Marc Forster
Cecilia Reyes, Anlagechefin des Zurich-Versicherungskonzerns.
Bild: cash

cash: Die Zurich Insurance hat derzeit eine Aktienquote von fünf Prozent. Planen Sie, dieses Exposure zu verändern?

Cecilia Reyes: Die Frage ist, wieviel Kapital man in risikogewichteten Aktiva anlegen will. Dann versuchen wir, die Risiken in der Bilanz zu optimieren. Jedes Risiko ist mit Kapital unterlegt. Fünf Prozent Aktienquote sieht absolut gesehen nach wenig aus, aber wenn man diese unter dem Gesichtspunkt der Bilanzrisiken ansieht, dann binden sie 30 Prozent des Eigenkapitals.

Dies sieht nach eher viel aus…

Ja, ich habe mir aber deswegen in den letzten zwei oder drei Wochen, als die Finanzmärkte in die Korrektur gingen, keine Sorgen gemacht. Unsere Anlagepolitik gestaltet sich sehr diszipliniert, das Risikoprofil ist sehr ausgewogen. Wir haben unsere Anlagen da, wo wir sie langfristig haben wollen.

Würden Sie Anlegern raten, weiter Aktien zu kaufen?

Man muss strategisch denken, und nicht taktisch, also auch nicht anhand von dem, was man gerade zu lesen bekommt. Anleger müssen sich immer fragen, was das Langfristziel ist und was man für ein Investment-Ziel hat. Für Risiken muss man entschädigt werden. Aktien zum Beispiel sind ein Risiko, das entschädigt wird.

Also ein "Ja" zu Aktien?

Wenn man es sich leisten kann, sollte man diese Risiken wählen. Voraussetzung ist natürlich immer, dass die Risiken gut ausbalanciert sind. Man hat leicht das Gefühl, dass man Marktentwicklungen voraussagen kann, aber Märkte haben ihre eigene Effizienz. Deshalb ist langfristiges Denken so wichtig.

Wie investiert die Zurich Insurance?

Wir sind ein langfristig orientierter Investor. Unser erster Schritt ist immer das Asset Liability Management, dass heisst die Abstimmung des Anlageportfolios mit den zukünftigen Zahlungen an unsere Kunden. Sowohl Zins- als auch Währungsrisiken zwischen Anlagen und Kundenverpflichtungen überwachen wir regelmässig und halten diese im Vergleich mit anderen Marktrisiken tief. Deshalb spielt es für die Entwicklung unseres Nettovermögens keine grosse Rolle, ob die Zinsen steigen oder fallen.

Spielt die Volatilität eine wichtige Rolle bei Ihrer Planung?

Hinsichtlich des jetzigen Marktumfelds haben wir Volatilität erwartet, weil die Märkte weniger liquiditäts-, sondern mehr gewinngetrieben sind. Dieser Übergang ist naturgemäss volatil. Volkswirtschaften weichen in ihrer Entwicklung voneinander ab, genauso die Geldpolitik der einzelnen Notenbanken. Risikoanlagen wie etwa Unternehmensanleihen und Aktien werden daher gut performen.

Auch wenn Sie gegen Zinsänderungsrisiken abgesichert sind: Wohin gehen die Zinsen?

Wir glauben an nachhaltiges globales Wachstum. Die US-Wirtschaft steht auf soliden Füssen, und wir erwarten nicht, dass Europa trotz einiger Probleme wieder in die Rezession abgleitet. Diese Entwicklungen sind entscheidend für die Zinsen, wobei es auch starke Zeichen braucht, die das Wachstum unter Beweis stellen.

Wagen Sie eine Voraussage, wann die Zinsen steigen werden?

Wenn ich eine Kristallkugel hätte, könnte ich sagen, wann die Zinsen hochgehen – aber das ist in Wirklichkeit schwierig zu sagen. Die US-Notenbank wird vorsichtig bleiben, ein Zinsschritt erfolgt vermutlich erst in der zweiten Hälfe 2015. Die Zinsen werden aber sicher nicht so hoch steigen, dass es für nach wie vor stark verschuldete Volkswirtschaften zum Problem wird.

Welches sind die interessantesten geographischen Regionen zum Investieren?

Unsere Anlagestrategie ist nicht per se daran ausgerichtet, wie sich einzelne Märkte entwickeln. Ansonsten aber kann man sagen, dass uns Märkte mit starker Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken interessieren, das wären vor allem Europa und Japan. Auch die USA sehen wir positiv, aber in erster Linie wegen der erstarkenden Wirtschaftsleistung. Schwellenländer machen hingegen nur einen kleinen Teil unserer Anlagesumme aus.

Ist die Zurich-Aktie ein lohnendes Investment?

Zurich ist sicherlich eine attraktive Aktie mit defensiven Eigenschaften. Grundlage der Aktie sind das Versicherungsgeschäft und unser Bemühen, Risiken auszubalancieren. Die Zurich-Aktie ist zudem vom Preis her nicht aufgebläht. Und wir wollen noch lange gute Dividendenrenditen bieten.

Wie investieren sie persönlich?

Ich investiere das meiste meines verfügbaren Kapitals in meine Vorsorge. Die Vorsorge bei der Zurich wird nach denselben, langfristig angelegten Prinzipien wie beim Anlageportfolio der ganzen Gruppe verwaltet.

Im cash-Video-Interview äussert sich Cecilia Reyes zu "Green Bonds". Der Zurich-Konzern ist ein wichtiger Investor in nachhaltige Anlagen.

Cecilia Reyes arbeitet seit 2001 für die Zurich Insurance Group und wurde 2010 Chief Investment Officer des Versicherungskonzerns. Davor arbeitete Reyes, Bürgerin der Schweiz und der Philippinen, für den niederländischen ING-Konzern in Amsterdam und London sowie für die Credit Suisse in Zürich im Asset Management und in der Risikoanalyse. Reyes besitzt einen Doktortitel in Finance von der London Business School sowie einen MBA von der University of Hawaii. Sie gehört auch dem Beirat des Instituts für Banking und Finance der Universität Zürich an.