Der eingeleitete Wechsel auf dem Chefposten reicht den Anlegern nicht aus. Sie verlangen eine Verjüngung des Verwaltungsrats und eine Entmachtung des 80-jährigen Verwaltungsratspräsidenten Ernst Tanner, wie mehrere Investoren der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Die Neubesetzung des Verwaltungsrates ‌sei unabdingbar, ⁠erklärte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka Investment. «Die derzeitige Machtkonzentration muss abgeschafft und die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt werden.»

Der Hersteller von Goldhasen und Lindor-Kugeln eilte jahrelang von Erfolg ⁠zu Erfolg. Doch nach einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum aus eigener Kraft von 10,9 Prozent über die vergangenen fünf Jahre geriet der Absatz 2026 ins Stocken. Innerhalb eines guten halben Jahres musste Lindt die Umsatzprognose zweimal ‌kappen, für 2026 rechnet der Schokoladenhersteller jetzt noch mit einem organischen Plus von null bis zwei Prozent. Insbesondere in Deutschland, ‌Österreich und der Schweiz schluckten die Verbraucher die Preiserhöhungen, mit denen das Unternehmen den ​sprunghaft gestiegenen Kakaopreis weiterreichen wollte, nicht mehr. Dazu kam der warme Sommer.

Das stotternde Geschäft kosteten Konzernchef Adalbert Lechner sowie den für Deutschland verantwortlichen Manager den Job. Präsident Tanner erklärte in einem Interview der «NZZ am Sonntag», dass sich die Probleme auf Deutschland konzentrierten. Der dortige Länderchef habe die Situation falsch eingeschätzt. Als exekutiver Präsident – eine in der Schweiz unübliche Rolle – hat Tanner auch Einfluss auf das Tagesgeschäft.

Einer der 20 grössten Aktionäre sieht den Verwaltungsrat mit in der Verantwortung für die Preispolitik. Möglicherweise hätte ein jüngerer und unabhängigerer ‌Verwaltungsrat früher reagiert, so der Investor. Von den acht Mitgliedern des Gremiums sind sechs mindestens 70 Jahre alt, Tanner ist seit 1994 Präsident. Lindt&Sprüngli habe Tanner sehr viel zu verdanken, so der Investor. «Im Alter von 80 muss man aber auch loslassen können.» Die Welt habe sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert.

Ein Firmensprecher erklärte, der Verwaltungsrat überprüfe die ​Zusammensetzung des Gremiums regelmässig, die Nachfolgeplanung sei ein fester Bestandteil seiner Arbeit.

Findet Lindt zum früheren Wachstum zurück?

Angesichts seines Alters, seiner ​langen Amtszeit und seiner mangelnden Unabhängigkeit hat der Schweizer Investor Ethos bereits 2025 und 2026 die Wiederwahl ​Tanners nicht unterstützt, wie Ethos-Chef Vincent Kaufmann erklärte. Auf der Generalversammlung 2026 stellten sich insgesamt 83,6 Prozent der Aktionäre hinter ihn, der schlechteste Wert aller Mitglieder des Gremiums. «Der Widerstand der Aktionäre könnte sich angesichts des schwierigen ‌Jahres für Lindt weiter verschärfen», so Kaufmann. Der Verwaltungsrat müsse dringend seine eigene Nachfolgeplanung angehen.

Ethos kritisiert, dass es dem Verwaltungsrat an ausreichenden Kontrollmechanismen fehle; nur drei der acht Mitglieder seien wirklich unabhängig. Dem Verwaltungsrat helfe zudem, dass das Kapital in zwei Kategorien aufgeteilt sei. Die Partizipationsscheine haben dabei keine Stimmrechte. An den Aktien hält Tanner nach Daten von LSEG selbst ​rund 2,3 Prozent. ​Grösste Aktionäre sind zwei Versorgungswerke des Konzerns, die zusammen auf über 15 Prozent der ⁠Stimmrechte kommen. Tanner präsidiert beide.

Tanner sagte in dem Interview, er trete nicht zurück. Er sei überzeugt, einen ​wesentlichen Beitrag leisten zu können, um ⁠das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Ein zweiter Top-20-Investor erklärte, er verstehe, dass Tanner in dieser Situation bleiben wolle und verteidigte die Preiserhöhungen, mit denen Lindt die Margen geschützt ‌habe. Sechs weitere angefragte grosse Eigner des Konzerns mit einem Börsenwert von rund 20 Milliarden Franken wollten sich nicht äussern.

Nach Einschätzung eines dritten Top-20-Investors zweifeln viele Anleger, dass Lindt&Sprüngli so rasch auf die alte Erfolgsspur zurückfindet. Die bestehende mittelfristige Vorgabe eines jährlichen organischen Umsatzwachstums von sechs bis acht Prozent ‌sei vorerst wohl nicht erreichbar. Das kommt auch im Aktienkurs zum Ausdruck, der seit Jahresbeginn ein Viertel an Wert verloren hat. ​Offen sei, ob die nun eingeleiteten Preissenkungen ausreichten, um die Verbraucher zurückzugewinnen. Unklar sei auch, ob die zunehemende Verbreitung von Abnehmmitteln wie Wegovy den Konsum von Schokolade bremse. Auch er befürworte einen Abgang Tanners, so der Anleger. Der Umbau des Verwaltungsrates liege aber in Tanners Hand. Der Aktionär rechnet damit, dass der Konzern 2027 eine Verjüngung einleitet und ein Jahr später ein Nachfolger ‌für Tanner präsentiert.

(Reuters)