Der Logistiksektor erlebt derzeit einen regelrechten Aufschwung: Die dänische Reederei Maersk hat ihre Gewinnprognosen deutlich übertroffen und bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr die Jahresziele angehoben. Im Kielwasser von Maersk legen auch die Aktien von Kühne+Nagel zu: Innerhalb von zwei Handelstagen kletterten sie um mehr als 6 Prozent. Mit Kursen von rund 210 Franken notieren sie an einem starken Widerstand bei dem sie schon zwei Mal - vor einem und vor 15 Monaten - abgeprallt sind.

Damit haben sich die Wertpapiere von Kühne+Nagel vollständig von den Verlusten erholt, die sie nach dem sogenannten «Liberation Day» im April 2025 erlitten hatten. Damals büssten die Aktien zeitweise bis zu ein Drittel ihres Werts ein. Seit November 2025 wendet sich das Blatt: Im laufenden Jahr verzeichnen die Titel ein Plus von mehr als einem Fünftel. Die psychologisch wichtige Marke von 200 Franken wurde jüngst nachhaltig überschritten - und erfolgreich getestet.

Was steckt hinter dem Kursanstieg? Wie die Zürcher Kantonalbank beleuchtet hat, profitiert der Sektor von geopolitischen Belastungsfaktoren: Die kriegsbedingten Probleme bei den Frachtrouten im Nahen Osten und die sinkenden Wasserstände am Panamakanal wegen des sich verstärkenden El Niño treiben die Frachtraten in die Höhe und verlängern die Fahrzeiten um Wochen. Die Zahlen zum zweiten Quartal 2026 haben damit auch die Analystenschätzungen für das zweite Quartal klar übertroffen, wodurch der Logistiker die Jahresprognose angehoben hat.

Aus technischer Sicht präsentiert sich das Bild ebenfalls einladend. Die jüngste Konsolidierung oberhalb der 200-Franken-Marke dürfte als Unterstützung dienen, während der Widerstandsbereich um 213,70 Franken – das bisherige Jahreshoch aus dem Juli – als nächstes Ziel ins Visier rückt. Sollten die Valoren dieses Niveau nachhaltig überwinden, öffnet sich der Weg in Richtung 218 Franken - dem nächsten Widerstand.

Trotz des erfreulichen Zahlenkranzes im zweiten Quartal senden die längerfristigen Fundamentaldaten allerdings gemischte Signale. Laut Schätzungen der Analystinnen und Analysten dürfte der Konzern zwar seinen Gewinnsteigerungszyklus fortsetzen, doch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) notiert mit 23x nun über dem Durchschnitt von 22,7x. Noch im Oktober 2025 lag die Bewertung bei 18x. Anzumerken ist, dass die Aktien des Logistikers die Bewertung in der vergangenen vier Jahre nie nachhaltig über 25x auszubauen vermochten.

Zwar heben die Expertinnen und Experten der UBS hervor, dass das Unternehmen mit dem Sparprogramm rascher vorankomme als erwartet. Allerdings warnt die ZKB vor zunehmenden makroökonomischen Risiken in der zweiten Jahreshälfte, die zu schwächeren Handelsvolumen führen könnten. 

Von insgesamt 20 befragten Analystinnen und Analysten empfehlen fünf zum Kauf, elf zum Halten und vier zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel für die nächsten zwölf Monate liegt bei 199 Franken, was einem Abwärtsrisiko von rund vier Prozent entspricht. Interessant ist der Vergleich mit der Zeit um den «Liberation Day» im April 2025: Damals lagen vier Kauf-, acht Halte- und sechs Verkaufsempfehlungen vor. Das Stimmungsbild hat sich also spürbar aufgeweicht. Etwa Goldman Sachs (Buy) sieht mit einem Kursziel von 235 Franken weiteres Aufwärtspotenzial, während Octavian (Hold) bei 180 Franken oder Barclays (Sell) bei 175 Franken zurückhaltender bleiben.

Anlegerinnen und Anleger sollten die Entwicklung der Container-Volumen in der Seefracht sowie die Frachtraten im Nahen Osten und am Panamakanal im Blick behalten. Zudem dürfte die Frage, ob die Effizienzgewinne durch den KI-Einsatz tatsächlich zu Margenverbesserungen oder bloss zu niedrigeren Preisen für die Kundschaft führen, für die weitere Kursentwicklung ebenfalls eine Rolle spielen.

Luca_Niederkofler
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