Bei Finanz-Nachrichten geht es um Zahlen, dies ist schon immer so gewesen. Doch derzeit gibt es einen Wert, der mehr denn je Aufmerksamkeit zu bekommen scheint: die Renditen auf zehnjährige US-Treasuries - so werden Staatsanleihen der US-Regierung genannt. Investoren weltweit blicken täglich wie gebannt auf deren Kursentwicklung. Die Rotationen an den Aktienmärkten werden primär mit deren steigendem Kurs erklärt.

Wenn die Bondrenditen steigen, beeinflusst das so ziemlich alles am Markt. US-Aktien sind genauso betroffen wie die Märkte in den Emerging Markets. Manche Beobachter spekulieren gar, dass der steile Anstieg der Renditen in 2021 ein Paradigmenwechsel in der langen Ära tiefer Zinsen und niedriger Inflation markieren könnte. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Was sind Staatsanleihen (Treasuries) und warum sind sie von Bedeutung?

Um die Aufregung um die zehnjährige US-Staatsanleihen zu verstehen, hilft es, einen Schritt zurück zu gehen. Staatsanleihen – in diesem Fall US-Treasuries – sind Schuldscheine der Regierung. Investoren leihen dem Staat Geld, welcher dadurch seine Kosten finanzieren kann. Investoren achten dabei nicht nur auf den Kurs der Anleihe, also den Preis, zu dem das Papier den Besitzer wechselt. Vielmehr stehen aktuell die Renditen auf diese Anleihen im Mittelpunkt des Interesses. Bei den Renditen handelt es sich um die Höhe der Auszahlung, die Anleihebesitzerinnen und -besitzer unter dem Strich jährlich erhalten.

Die Renditen der US-Staatsanleihen erhalten viel Beachtung, weil sie quasi den Zinssatz aufzeigen, zu dem die Regierung sich Geld leihen kann. Eine Rendite von 1,6 Prozent auf zehnjährige US-Bonds entspricht quasi einem Zins von 1,6 Prozent, zu dem sich die US-Regierung für zehn Jahre Geld leihen kann. Die Renditen setzen zudem eine Benchmark für Kreditnehmer wie etwa Unternehmen oder Eigenheimbesitzer mit Hypotheken.

2. Was für Laufzeiten gibt es bei den US-Treasuries?

Genau wie Privatpersonen sich Geld für unterschiedliche Zeitperioden leihen können, gibt die US-Regierung Schuldscheine mit unterschiedlichen Laufzeiten aus. Manche Schuldscheine müssen bereits in ein paar Tagen zurückgezahlt werden. Der am längsten datierte Schuldschein wird hingegen erst in 30 Jahren fällig. Andere Länder wie Österreich geben sogar Staatsanleihen mit 100-jähriger Laufzeit aus.

3. Warum stehen jetzt ausgerechnet die zehnjährigen US-Treasuries so im Fokus?

Investoren beobachten äusserst genau die Entwicklung der sogenannten Zinskurve. Diese beschreibt grafisch das Verhältnis der verschiedenen Zinssätze zueinander, die je nach Laufzeit variieren. Die jeweiligen Abstände der Zinssätze können höchst unterschiedliche Szenarien aufzeigen. Kurzfristige Zinssätze werden stark von der Geldpolitik der US-Notenbank Fed beeinflusst. Diese verspricht etwa, die Leitzinsen noch auf Jahre hinaus tief bei nahe Null zu halten. Langfristige Zinssätze entwickeln sich hingegen weitaus unabhängiger von der aktuellen Geldpolitik. Sie dienen oft als Barometer für die zukünftige konjunkturelle Entwicklung und Inflation.

Bei ganz langen Anleihen, wie etwa den 30-jährigen US-Bonds, sind die Unwägbarkeiten verhältnismässig gross. Schliesslich weiss niemand, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Daher liegt der Fokus der Investoren auf US-Treasuries mit zehnjähriger Laufzeit. Die Folge: Zehnjährige US-Bonds sind eine der weltweit wichtigsten Benchmarks für die Kosten von risikofreien Anlagen. Ihr Zinssatz wird weltweit dazu benutzt, um den Preis für unterschiedlichste Wertpapiere zu bestimmen.

4. Wie beeinflusst die Rendite auf zehnjährige US-Bonds andere Anlagen?

Die Renditen der jeweiligen Anlageklassen bedingen sich gegenseitig. Investoren bewerten den Wert einer Anlage auch immer damit, wie hoch das Renditepotenzial oder auch das Risiko anderer Anlageklassen sind. Die zehnjährigen US-Treasuries sind für Anleger ein praktischer Massstab, um Renditen sicherer Investments mit denjenigen von Risikoanlagen wie Aktien oder Unternehmensanleihen zu vergleichen. Ein Anstieg der zehnjährigen US-Bonds kann sich daher negativ auf den Aktienmarkt auswirken.

Grund: Die Risiken bei einem Investment in Aktien werden bei immer weiter steigenden Renditen auf Anleihen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr genügend entlohnt, sodass Anleger auf Anleihen umschwenken. Zudem zeigen steigenden Bondrenditen einen zukünftigen Zinsanstieg an, was zu einer Wertminderung von zukünftigen Cash-Flows von Unternehmen führen kann. Das belastet vor allem Aktien von schnell wachsenden Unternehmen, weil dort die erwarteten Gewinne und Umsätze in der Zukunft oft in den Kursen enthalten sind.

5. Waren die zehnjährigen US-Treasuries schon immer so wichtig?

In den vergangenen Jahrzehnten waren die Augen der Investoren auf völlig unterschiedliche Indikatoren gerichtet. Zum Beispiel wurde die von der Notenbank geregelte Geldmenge beobachtet, um den künftigen Weg der Fed-Politik zu bestimmen. Doch das Handeln der Notenbank, das diese Art der Analyse rechtfertigte, hat sich mittlerweile längst verändert. In jüngerer Zeit konzentrierten sich die Händler stark auf Geldmärkte und andere kurzfristige Zinssätze, um die Erwartungen anderer Anleger zu messen und das Handeln der Fed zu antizipieren.

Das ist auch heute noch so. Auch wenn die Fed jetzt anzeigt, dass sie die Leitzinsen bis Ende 2023 wahrscheinlich bei nahe Null belassen wird, sind die Märkte nicht vollständig überzeugt. Marktbeobachter bleiben bei Indikatoren aus dem Geldmarkthandel wie Eurodollar-Futures oder Overnight-Index-Swaps. Da Anleger auf der ganzen Welt versuchen, Wachstums- und Inflationsrisiken einzuschätzen, ist der Fokus auf die 10-Jahres-Treasuries umso stärker geworden.

(cash/Bloomberg)