Die Aktien von Ems-Chemie haben einen aussergewöhnlichen Lauf hinter sich: Die Titel schlossen am Freitag bei 867 Franken, nachdem sie im Tagesverlauf bis auf 869 Franken geklettert waren - ein Vierjahreshoch. Seit Jahresanfang summiert sich das Plus damit auf fast 60 Prozent. Noch im vergangenen November waren die Titel allerdings auf gut 518 Franken gefallen, ein Sechsjahrestief.

Was treibt den Kurs? Der erste Kurstreiber war die provisorische Halbjahresbilanz Mitte Juli. Der Umsatz sank zwar wegen des starken Frankens um 0,8 Prozent auf 1,02 Milliarden Franken, in Lokalwährungen wären die Verkäufe jedoch um 4,5 Prozent gewachsen, wie Firmenchefin Magdalena Martullo-Blocher damals vor den Medien sagte. 

Die Befürchtungen, die Sparpläne von Volkswagen könnten den Konzern treffen, der gut 60 Prozent seines Umsatzes mit der Autoindustrie erzielt, zerstreute sie: Die Kapazitäten, die VW schliessen wolle, würden heute ohnehin nicht mehr genutzt. Die Aktien legten an jenem Tag um knapp fünf Prozent zu. 

Ende August folgte mit dem definitiven Halbjahresabschluss der zweite Treiber: Der Reingewinn stieg um 2,5 Prozent auf 259 Millionen Franken, das Betriebsergebnis um 4,4 Prozent auf 309 Millionen Franken – bei einer beachtlichen Marge von 30,6 Prozent. Gleichzeitig präzisierte das Unternehmen die Jahresprognose nach oben: Der Umsatz dürfte nur noch leicht unter dem Vorjahr liegen, das operative Ergebnis soll weiter leicht zulegen. Hintergrund ist die 2023 lancierte Verkaufsoffensive, insbesondere in China, die zunehmend profitable Neugeschäfte bringt.

Aus technischer Sicht laden die Charts zur Zuversicht ein. Sollten die Titel den Widerstand bei 870 bis 890 Franken nachhaltig überwinden, wäre der Weg in Richtung 950 bis 1000 Franken frei. Nach unten sichert die 50-Tage-Linie bei rund 806 Franken ab; eine tiefere Unterstützung findet sich erst bei der 200-Tage-Linie nahe 700 Franken.

Fundamental ist die Luft allerdings dünner geworden. Auf Basis der letzten zwölf Monate werden die Valoren mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 40 gehandelt - ein Zweijahreshoch. Die Dividendenrendite liegt wegen des starken Kursanstiegs nur noch bei knapp 1,7 Prozent, nachdem sie im vergangenen Oktober bei 3,2 Prozent lag.

CFRA hat das Kursziel zwar auf 820 Franken erhöht – das liegt allerdings bereits unter dem aktuellen Kurs. Die Bank verweist auf die historisch hohe Bewertung, die weiteres Aufwärtspotenzial begrenze. Noch skeptischer ist Berenberg: Die hohen Margen seien vor allem auf Lieferengpässe und gestiegene Polyamid-Caprolactam-Spreads zurückzuführen, die Profitabilität bewege sich nahe ihrem Höhepunkt.
Das Analysten-Voting fällt entsprechend zurückhaltend aus: Von neun Expertinnen und Experten empfehlen lediglich zwei zum Kauf. Sechs raten zum Halten, eine Stimme zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel für die nächsten zwölf Monate liegt bei rund 738 Franken - und damit gut 15 Prozent unter dem aktuellen Kurs.

Wie geht es nun weiter? Anlegerinnen und Anleger dürften nun auf die Zahlen aus dem dritten Quartal am 22. Oktober und auf den Jahresabschluss im Februar 2027 warten. Im Blick zu behalten ist zudem die Nachfrage der Autobranche - insbesondere das China-Geschäft. Denn das Reich der Mitte ist für Ems entscheidend: Zwar verlieren ausländische Hersteller dort als Absatzmarkt zusehends an Boden, doch inzwischen wird jedes dritte in China produzierte Fahrzeug ins Ausland exportiert - was den Bedarf an hochwertigen Spezialkunststoffen stützen dürfte.

Luca_Niederkofler
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