Während ⁠viele Iraker das Ende des US-Einsatzes am Mittwoch feierten, wuchsen aber auch zugleich die Sorgen über ein Sicherheitsvakuum. Diese Lücke könnte vom Iran unterstützten Milizen ⁠mehr Macht verleihen oder der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) den Weg für eine Rückkehr ebnen. Der Abzug der letzten US-Soldaten im Irak, die vor allem auf einem Luftwaffenstützpunkt in Erbil in ‌der autonomen Region Kurdistan stationiert waren, beendet den grössten US-Krieg dieses Jahrhunderts. Weitreichende Zerstörungen und Chaos im ‌Irak waren die Folge, wovon sich der Golf-Staat noch nicht vollständig erholt hat.

Der ​Truppen-Abzug war 2024 unter US-Präsident Joe Biden vereinbart worden. Die Regierung von Donald Trump setzte ihn nun um, während sie zugleich einen Krieg mit dem benachbarten Iran begonnen hat. Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, die USA und ihre Koalitionspartner hätten den Einsatz «Operation Inherent Resolve» (OIR) offiziell beendet. Washington werde den irakischen Partnern jedoch weiterhin gezielte militärische Ausbildung anbieten und sie geheimdienstlich unterstützen. Der irakische Ministerpräsident Ali Faleh al-Saidi erklärte, das Ende des US-Einsatzes bedeute nicht das Ende des ‌Kampfes gegen den Terrorismus. Der Irak gehe aber in eine Phase über, in der er die volle Verantwortung für seine Sicherheit und Stabilität übernehme.

An dem internationalen Einsatz gegen die IS-Miliz hatten sich unter dem Leitspruch «One Mission, Many Nations» mehr als 70 Partnerstaaten beteiligt, darunter seit 2015 auch die Bundeswehr. Das deutsche Engagement im ​Irak und in Syrien stützte sich auf zwei Säulen: die Ausbildung irakischer Kräfte im Rahmen der Nato-Mission Irak (NMI) ​sowie die Unterstützung der US-geführten Koalition OIR. Da sich der Schwerpunkt von OIR zuletzt nach Syrien ​verlagert hatte, beendete die Bundeswehr ihr Engagement im Nordirak in Absprache mit der Regierung in Bagdad ebenso zum 30. September. Die verbliebenen deutschen Strukturen im Raum Erbil wurden abgebaut und ‌das dortige multinationale Camp an die irakischen Sicherheitskräfte übergeben.

Mehr als 4500 US-Soldaten starben

US-Streitkräfte waren 2003 in den Irak einmarschiert, um Machthaber Saddam Hussein zu stürzen, was jahrelange Unruhen auslöste. Ende 2011 zogen die US-Truppen ab, kehrten jedoch weniger als drei Jahre später zurück, um die irakischen Streitkräfte im Kampf gegen den IS ​zu unterstützen, ​nachdem die Extremisten ein Drittel des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Mehr ⁠als 4500 US-Soldaten starben im Irak – etwa doppelt so viele wie im Krieg in ​Afghanistan. Dem Projekt «Iraq Body Count» zufolge wurden ⁠zudem mehr als 200.000 irakische Zivilisten getötet.

Zuletzt war der Irak erneut in regionale Konflikte hineingezogen worden. Von den 18 US-Soldaten, die seit Beginn der Militäroperation «Operation ‌Epic Fury» der USA und Israels gegen den Iran im Februar getötet wurden, kamen sieben im Irak ums Leben. Der Iran und seine Verbündeten feierten den US-Abzug als Sieg ihrer Kampagne, die US-Streitkräfte aus dem Nahen Osten zu vertreiben. Der Iran hat seinen ‌Einfluss im Irak seit dem Sturz Saddam Husseins über verbündete bewaffnete Gruppen ausgebaut.

Der in Bagdad ansässige politische Analyst ​Ahmed Younis erklärte, der Abzug erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sich die pro-iranischen Milizen in Abwesenheit einer westlichen Militärpräsenz gestärkt fühlten. Zudem befürchten Vertreter der irakischen Sicherheitsbehörden, dass der IS neuen Auftrieb erhalten könnte. Die Extremisten verfügen trotz ihrer militärischen Niederlage weiterhin über ein Netz von Schläfer-Zellen. Die irakische Armee war beim vorherigen US-Abzug 2011 dem IS nicht ‌gewachsen: Soldaten flohen, als die Islamisten-Miliz 2014 ​die zweitgrösste irakische Stadt Mossul einnahm.

(Reuters)