«Nachhaltigkeit muss Mainstream werden»

Grün oder nur halbgrün? Die Definition für Nachhaltigkeit ist diffus. Der Popularität der Fonds tut dies aber keinen Abbruch.
05.02.2014 13:30
Von Ivo Ruch
Grün oder nur halbgrün? Die Definition für Nachhaltigkeit ist diffus. Der Popularität der Fonds tut dies aber keinen Abbruch.

Dieser Artikel ist Teil des Magazins «cash VALUE Fonds» 2014. Das Magazin kann als PDF heruntergeladen oder als ePaper gelesen werden.

Ob Minister, Fondsmanager oder Vermögensberater: Kaum ein Exponent der Wirtschaftswelt rund um den Globus spricht nicht von Nachhaltigkeit. In dieser Beliebtheit steckt gleichzeitig ein Problem von Nachhaltigkeitsfonds: Ein Angebot von mehreren hundert Fonds macht die Auswahl für Anleger schwierig. So gibt es auch keine verbindlichen Regeln, welche Produkte in einem Fonds verboten sind. Zwar gibt es seit 2005 von der Uno die "Principles for Responsible Investment" (PRI). Doch sind das keine strikten Vorgaben, sondern bloss Orientierungshilfen.

So genannte "ESG-Kriterien" (Environment Social Governance) zu Umwelt-, Sozial- und Governancekriterien werden indes von den meisten Anbietern von nachhaltigen Fonds angewendet. In der Schweiz am weitesten verbreitet ist die Strategie, gewisse Branchen oder Produktionsmethoden auszuschliessen. Das betrifft vor allem die Waffen-, Tabak- oder die Atomindustrie.

Mögliche böse Überraschungen bei Nachhaltigeitsfonds

Bei einem anderen Auswahlverfahren kann es mitunter zu bösen Überraschungen kommen: Der "Best-in-Class"-Ansatz macht keine thematischen Einschränkungen, sondern wählt aus jeder Branche die vorbildlichsten Unternehmen aus.

Es kann dann vorkommen, dass in einem entsprechenden Fonds Aktien oder Anleihen von Erdölunternehmen, Atomstromproduzenten oder Waffenherstellern auftauchen. So ist beispielsweise Honeywell eine der Top-5-Positionen des "RobecoSAM-Smart-Energy"-Fonds. Der US-Industriekonzern stellt mitunter auch Rüstungsgüter her. Bei der integrativen Methode schliesslich werden soziale, ethische und ökologische Kriterien sowie Corporate-Governance-Aspekte in die traditionelle Finanzanalyse einbezogen.

Ziel des nachhaltigen Investierens sei eine Veränderung zu bewirken, und nicht, ein besonders grünes Portfolio zu erstellen, sagt denn auch Sabine Döbeli vom Forum Nachhaltige Geldanlagen (siehe Interview unten). Nick Beglinger sieht das ein bisschen anders. Für den Präsidenten von Swisscleantech, dem Verband der grünen Wirtschaft, arbeitet ein Fondsanbieter erst dann nachhaltig, wenn er nicht bloss einen Teil, sondern sämtliche Gelder nachhaltig anlegt. Das mache beispielsweise die Privatbank Globalance, so ­Beglinger. Dasselbe gilt für die Alternative Bank Schweiz. Sie bietet ausschliesslich nachhaltige Anlagen an und verfolgt keine Renditemaximierung, wie Sprecher Bruno Bisang sagt.

Ein neues Rekordhoch bei den Nachhaltigkeitsfonds

Fakt ist: Die Beliebtheit nachhaltiger Anlagen nimmt in der Schweiz seit Jahren zu. Per Ende 2012 haben sie laut FNG mit 48,5 Milliarden Franken ein neues Rekordhoch erreicht. Das entspricht einer Zunahme von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings stagniert die Zahl der Fonds innerhalb der nachhaltigen Anlagen. Zum Wachstum trug zuletzt vor allem die steigende Zahl der Vermögensverwaltungsmandate bei, die schon fast die Hälfte der nachhaltigen Anlagen ausmachen. Dieses Volumen ist für Beglinger immer noch zu klein. "Nachhaltigkeit darf nicht eine Nische bleiben, sondern muss Mainstream werden." Er fordert von den Fondsmanagern eine noch stärkere Berücksichtigung der ressourcenschonenden Wirtschaft.

Nachhaltigkeit und Rendite schliessen sich nicht aus

Dass sich Nachhaltigkeit und Rendite nicht gegenseitig auszuschliessen brauchen, zeigt die Rangliste der besten in der Schweiz zugelassenen Nachhaltigkeitsfonds. Mit dem "LSF-Asian-Solar-&-Wind"-Fonds beispielsweise konnte 2013 ein Gewinn von 150 Prozent eingefahren werden (siehe Tabelle). Der Fonds setzt auf Aktien verschiedener Solar- und Windkraftunternehmen.

Ein Risiko bei der Fondsauswahl ist die Grösse des Anlageuniversums. Natalia Wolfstetter, Leiterin der Morningstar-Fondsanalyse Deutschland, sagt, bei einigen Fonds sei die Auswahl an möglichen Titeln so gering, dass der Fonds ein Klumpenrisiko darstelle. Wolfstetter rät deshalb, Fonds mit breiterer Aufstellung zu berücksichtigen. Die Ungenauigkeit der Definition und die grosse Auswahl an Produkten machen nachhaltige Anlagen herausfordernd. Wolfstetter rät privaten Investoren deshalb, immer auch selbst die Zusammensetzung der Fonds anzuschauen.

Zudem muss bei Nachhaltigkeitsfonds mehr als anderswo auf die Langzeit-Performance geachtet werden. Denn wer nachhaltig Geld anlegen möchte, sollte nicht auf die kurzfristige Rendite schielen.

Die besten Nachhaltigkeitsfonds 2013

Fonds Rendite 2013, in % Rendite 3 Jahre, in % Rendite 3 Jahre, in % Valor
LSF Asian Solar & Wind (EUR) 150 -22 - 4898695
Guinness Alternative Energy (USD) 67 -14 -21 3991450
Asselsa Small & Mid Caps Switzerland (CHF) 45 17 47 1642120
Sarasin Sustainable Equity USA (USD) 42 30 - 11527444
Connect Equity USA Green (USD) 38 15 19 2798883

Quelle: Morningstar (Stand: 10.1.2014)

«Anleger haben auch falsche Erwartungen»

cash: Frau Döbeli, was verstehen Sie unter nachhaltigen Fonds?

Sabine Döbeli: Nachhaltige Fonds sind alle Fonds, die Umwelt-, Sozial- und Governancekriterien in einer strukturierten Form in den Anlageprozess miteinbeziehen. Nachhaltige Anlagen haben das Ziel, die Wirtschaft insgesamt nachhaltiger zu machen, was auch den finanziellen Erfolg beinhaltet.

Welche Kriterien muss eine Firma erfüllen, um in einen Nachhaltigkeitsfonds aufgenommen zu werden?

Es gibt nicht ein einziges richtiges Set an Kriterien, die eine Firma erfüllen muss, um in einen Fonds aufgenommen zu werden, sondern es bestehen verschiedene Ansätze. Ein weit verbreiteter Irrtum zu nachhaltigen Anlagen ist, dass sie alle nur besonders nachhaltige Firmen enthalten. Ein wichtiges Ziel nachhaltiger Anlagen ist es, eine Veränderung zu bewirken. Eine interessante Studie hat gezeigt, dass Unternehmen durch Nachhaltigkeitsresearch und -ratings tatsächlich dazu angeregt werden, ihre Nachhaltigkeitsleistung zu verbessern. Dies sieht man dem Portfolio aber nicht auf den ersten Blick an.

Wo liegen in Zukunft die Chancen und Risiken nachhaltiger Anlagen?

Nachhaltige Anlagen entwickeln sich laufend weiter. Ich sehe eine wichtige Chance darin, dass mehr und mehr Asset-Manager solche Aspekte einbeziehen. Es zeigt sich, dass immer mehr private und institutionelle Investoren die Integration von Nachhaltigkeitskriterien wünschen. Sei es, um damit die Analyse zu verbessern oder auch um Nachhaltigkeit in der Wirtschaft zu fördern. Ein Risiko sehe ich darin, dass Anleger zum Teil falsche Erwartungen an nachhaltige Anlagen haben. Auch nachhaltige Anlagen investieren in ganz normale Unternehmen, die Stärken und Schwächen bezüglich der vielfältigen Nachhaltigkeitsaspekte aufweisen. Generell ist die Fondsbranche gefordert, die Wirkung nachhaltiger Anlagen auch sichtbar und messbar zu machen.

Welche nachhaltigen Alternativen zu Fonds gibt es?

Nachhaltig investieren kann man auch über spezielle Vermögensverwaltungsmandate oder durch die Investition in Einzeltitel. Verschiedene Banken bieten dazu Dienstleistungen an. Für den Privatinvestor ist es aber sicher einfacher, die nötige Diversifikation durch einen auf das Risikoprofil abgestimmten Fonds zu erreichen als über Direktinvestitionen.

Sabine Döbeli ist Vizepräsidentin des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG).