Bundesbankchef Joachim Nagel schliesst nicht aus, dass die EZB die Zinszügel weiter anziehen muss und damit auch die Wirtschaft leicht bremsen ‌würde. ⁠Es sei noch zu früh, um über Zinserhöhungen zu spekulieren, sagte Nagel am Freitag ⁠dem Sender CNBC. Dies hänge letztlich von der Entwicklung der Energiepreise ab. Er könne jedoch nicht ausschliessen, ‌dass die Notenbank mit einem strafferen Kurs auch in ‌einen leicht «restriktiven Bereich» vordringe. Damit ist ​ein Zinsniveau gemeint, das die Wirtschaft etwas dämpft. Die Europäische Zentralbank hatte den Leitzins am Donnerstag auf 2,50 Prozent angehoben. Nagel sagte, damit sei er an der Obergrenze einer neutralen geldpolitischen Zone angesiedelt - also in einem Bereich, in dem die Wirtschaft ‌weder gebremst noch angeschoben wird.

Der Bundesbankchef nannte es zugleich eine gute Nachricht, dass sich die Wirtschaft trotz der Folgen des Iran-Krieges als erstaunlich robust erweise. Für Deutschland, die ​grösste Volkswirtschaft des Euroraums, könne dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von rund ​einem Prozent herausspringen.

Die EZB hat ihre Konjunkturprognosen ​für die Euro-Zone für dieses und kommendes Jahr jüngst heraufgesetzt. 2026 soll das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 (bisher: ‌0,8) Prozent steigen, während für 2027 nun 1,4 (bisher: 1,2) Prozent erwartet werden. «Darin spiegelt sich hauptsächlich wider, dass die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft des Euroraums stärker ist als erwartet», erklärte ​die ​EZB.

Die Währungshüter warnten zugleich vor anhaltendem Preisdruck, ⁠was Spekulationen über weitere Zinserhöhungen befeuerte. Der Ölpreis ​war Mitte der Woche ⁠wieder über die psychologisch wichtige Marke von 100 Dollar je Barrel gesprungen. Der eskalierende ‌Konflikt zwischen den USA und dem Iran schürt an den Börsen die Sorge vor Lieferausfällen. Die EZB will verhindern, dass der Ölpreisschock ‌das Preisgefüge im Euroraum nachhaltig verändert: Denn die hohen Energiekosten ​für Konsumenten und Firmen bergen die Gefahr, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt und sich die starke Teuerung so verfestigt.

(Reuters)