Neff: «Auch jetzt ist nicht alles gut»

Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen, schätzte die Schweizer Wachstumszahlen weniger pessimistisch ein als viele andere Experten. Auch den SMI-Taucher sagte er voraus. Punkto Aktien bleibt er nun weiter vorsichtig.
28.08.2015 13:18
Interview: Pascal Züger
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen-Gruppe.
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen-Gruppe.
Bild: ZVG

cash: Herr Neff, die von vielen Ökonomen erwartete Rezession traf nicht ein. Das Bruttoinlandprodukt ist im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen, während der Konsens bei minus 0,2 Prozent lag. Wurde die Schweizer Wirtschaft in letzter Zeit schlechter geredet, als sie tatsächlich ist?

Martin Neff: Das war tatsächlich der Fall. Es gibt in der Branche viele Ökonomen, die zu vorschnellen, schlagzeilenorientierten Analysen neigen, die in der Regel nicht durchdacht sind. Die aktuelle BIP-Zahl liest sich zwar schön, aber plötzlich von Schwarz auf Weiss zu drehen wäre falsch. Es war vorher nicht alles schlecht, aber jetzt ist auch nicht alles gut.

Was war ausschlaggebend für die positive Wachstumszahl?

Einerseits Europa, das einen einigermassen stabilen Wachstumspfad eingeschlagen hat. Ein zweiter wichtiger Effekt ist der private Konsum in der Schweiz. Dieser ist der gewichtigste und auch stabilste Faktor innerhalb der Gesamtrechnung. Die Negativteuerung führte zu mehr Kaufkraft in der Schweiz, die Leute konnten sich mehr leisten. Zwar fliesst ein Teil davon ins Ausland wegen des Einkaufstourismus, aber in der Summe gab es doch einen positiven Effekt.

Die Unternehmensinvestitionen nahmen um 1,5 Prozent zu. Ein klares Statement der Firmen, dass das Schlimmste überstanden ist?

Ich interpretiere dies eher als ein Fenster, das sich allmählich wieder schliesst. Man nutzte die Frankenstärke für den Import von Investitionsgütern, die wohl der Rationalisierung dienen.

Im cash-Börsen-Talk Ende Juli haben Sie für die Schweiz ein Wachstum von 1,1 Prozent für das Jahr 2015 prognostiziert, während das KOF von 0,4 Prozent ausgeht. Halten Sie weiterhin an dieser Prognose fest?

Unsere Prognose bleibt weiterhin bei rund 1 Prozent. Dabei ist das Wachstum in Europa ein entscheidender Faktor.

Im gleichen Interview hatten Sie auch vorausgesehen, dass der SMI bis Ende Jahr die 9000er Linie unterschreiten wird. Wagen Sie eine Prognose, wie sich der SMI, derzeit um 8800 Punkte, bis Ende Jahr noch weiterentwickeln wird?

Wir bleiben bei den Aktien vorsichtig und sind vorerst zumindest noch weiter untergewichtet. Ich glaube nicht, dass der Rebound von dieser Woche der Anfang einer Gegenbewegung ist. Unterjährige Taucher sind nochmals möglich, nur vielleicht nicht in dem Ausmass, wie wir dies am Montag erlebt haben. Auch gegen oben sind Ausschläge möglich. Ich glaube aber nicht daran, dass sich der SMI lange auf Niveaus weit über 9000 Punkten halten kann. Ende Jahr werden wir mehr Gewissheit haben. Also wie es mit China weiter geht, ob in Griechenland Stabilität herrscht. Ausserdem werden wir vielleicht sogar sehen, dass die US-Zinswende erst nächstes Jahr kommen wird. Auch die Märkte schliessen das nicht mehr vollends aus.