Die Aussicht auf steigende Zinsen und höhere Ölpreise hat die Renditen deutscher Staatsanleihen am Montag auf neue Mehrjahreshochs getrieben. Die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihe kletterte bis auf 3,2903 Prozent und erreichte ‌damit den ⁠höchsten Stand seit Mai 2011. Die Rendite der zweijährigen Anleihe, die besonders empfindlich auf Zinserwartungen reagiert, erreichte mit ⁠2,9014 Prozent den höchsten Wert seit Juli 2024.

Jüngster Auslöser für die Nervosität an den Anleihemärkten sind Äusserungen von US-Notenbankchef Kevin Warsh. ‌Dieser hatte signalisiert, dass die Zinsen weiter steigen müssten, sollte die Inflation über ‌dem Zielwert bleiben. Zudem trieben geopolitische Spannungen den Ölpreis ​nach oben. Der Preis für ein Fass der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 0,5 Prozent auf 89,80 Dollar. Zuvor hatten die USA einen Angriff auf eine iranische Insel in der Strasse von Hormus gemeldet, woraufhin Teheran nach eigenen Angaben mit Gegenangriffen reagierte.

«Insgesamt können sich Bundesanleihen dem Gegenwind aus den USA nicht entziehen», sagte Commerzbank-Anleihestratege ‌Rainer Guntermann. Der Markt sei aber auf die nächste EZB-Zinserhöhung gut vorbereitet. Händler rechnen fest mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im September. Sie preisen zudem eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt bis Dezember ein.

«Sehr hohe Gefahr einer globalen Schuldenkrise»

Höhere Zinskosten werden teuer für Bundesfinanzminister Lars Klingbeil, da sie die ​Aufnahme neuer Schulden verteuern und den Spielraum für andere Ausgaben ​wie Investitionen oder Sozialleistungen einschränken. Die überraschend robuste Konjunktur dürfte die Staatskassen nur wenig füllen. Durch das höhere Wachstum sei in diesem Jahr ‌mit Mehreinnahmen für den Bund von etwa drei Milliarden Euro zu rechnen, sagte der Finanzexperte des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Friedrich Heinemann, der Nachrichtenagentur Reuters.

«Die Aufwärtskorrektur beim 2026er-Wachstum ist erfreulich, sie wird dem Bundeshaushalt jedoch nicht nennenswert helfen», ​lautet sein ​Fazit. Das Bruttoinlandsprodukt ist zuletzt drei Quartale in Folge gestiegen, ⁠während das Ifo-Geschäftsklimabarometer im August den höchsten Wert seit einem Jahr ​erreichte. Der Bundesverband der Volks- ⁠und Raiffeisenbanken verdoppelte deshalb seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 0,5 auf 1,0 Prozent, das ‌gewerkschaftsnahe IMK rechnet mit «mindestens 1,1 Prozent».

Unter Druck standen auch französische Staatsanleihen, deren Renditen nahe ihrer 18-Jahres-Hochs verharrten. Der Risikoaufschlag französischer zehnjähriger Papiere gegenüber deutschen Bundesanleihen lag bei 84,30 Basispunkten. Anleger blicken mit Sorge ‌auf den bevorstehenden schwierigen Haushaltsstreit in Paris.

Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr sieht in den steigenden ​Renditen ein Warnsignal. «Man muss sich um die Stabilität der globalen Anleihemärkte Sorgen machen», sagte das Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft kürzlich zu Reuters. Das Schuldenmachen sei nun überall deutlich teurer. «Aber nicht nur das: Die Gefahr einer grösseren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell ‌sehr hoch.»

(Reuters)