Ziel sei es, die anstehenden Kongresswahlen in den USA zu beeinflussen, sagten zwei hochrangige Vertreter der Teheraner Führung gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Details wollten sie nicht nennen. Doch längst bestätigen US-Militärkreise eine veränderte Lage, Schifffahrtsorganisationen melden vermehrt Attacken. Trotz der seit Monaten weitgehenden Blockade der wichtigen Meerenge am Persischen Golf durch den Iran ist bisher immer noch etwas Öl aus der Region verschifft worden. Damit soll nach Darstellung Teherans nun Schluss sein.
«Es wird bald zu einer vollständigen Blockade kommen», sagte einer der Insider. Mit der vor etwa zehn Tagen begonnenen und in den höchsten Rängen der Teheraner Führung koordinierten neuen Offensivstrategie ändere sich die Art und die Schlagzahl der Angriffe. Zudem werde der geografische Radius über die Strasse von Hormus hinaus ausgeweitet. So sollen Öltransporte von Tankern, die der Iran ablehnt, verhindert werden. «Solche Schiffe wären nirgendwo sicher», so einer der Iraner. Auch der Golf von Oman und andere Gewässer würden zum Einsatzgebiet.
Dies könnte bereits der Fall sein, wie Auswertungen von Daten aus dem Bereich der maritimen Sicherheit Branchenkennern zufolge nahelegen. Die Analysen stützen sich auf Angriffe, die der Seefahrtsbehörde UKMTO und Sicherheitsfirmen in der Region gemeldet wurden. Demnach hat der Iran in den vergangenen Tagen Schiffe in Gebieten jenseits der Strasse von Hormus ins Visier genommen, darunter in Gewässern vor den Küsten Katars und der Vereinigten Arabischen Emirate.
«Ziel ist es, die Bemühungen der USA und ihrer Verbündeten zu durchkreuzen, die weltweiten Ölpreise zu senken», erklärte einer der iranischen Insider. Dabei habe die Führung in Teheran die Zwischenwahlen zum US-Kongress Anfang November im Blick. Trumps Republikaner bekommen Umfragen zufolge im Wahlkampf den Unmut der Amerikaner über hohe Spritpreise an den Tankstellen zu spüren. Das soll nach dem Willen der Iraner auch so bleiben: «Gerade wenn sie glauben, dem Punkt näherzukommen, an dem die Preise fallen, werden wir sie davon abbringen. Das ist ein Schachspiel.» Über die Strasse von Hormus wurde in Friedenszeiten etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgashandels abgewickelt.
Ein US-Militärvertreter, der anonym beleiben wollte, bestätigt eine spürbare Änderung der iranischen Taktik. Demnach setzt die iranische Revolutionsgarde nun auf unbewaffnete Späher in kleinen Booten, um Angriffsziele auszumachen - darunter auch US-Marineschiffe. Dies sei eine direkte Reaktion darauf, dass die USA zuvor einen Grossteil der iranischen Radaranlagen zerstört hätten, sagte der Militärvertreter.
Die Kundschafter befinden sich demnach auf Daus, den für die Region typischen Segelbooten. Erst in der vergangenen Woche erwischten die US-Streitkräfte demnach bei einem bislang nicht gemeldeten Zwischenfall iranische Späher auf einem solchen Schiff dabei, wie sie Zielkoordinaten an die Revolutionsgarde übermittelten. US-Truppen hätten das Boot gestoppt, die Besatzung zum Verlassen aufgefordert und das Schiff anschliessend zerstört. Es habe keine Verletzten gegeben, so der US-Militärvertreter.
Unabhängigen Daten zufolge erreichten die Angriffe auf Handelsschiffe in der Region in den vergangenen Tagen den höchsten Stand seit Kriegsbeginn Ende Februar. Binnen 48 Stunden gab es mindestens fünf Zwischenfälle, darunter Drohnenangriffe, wie die UKMTO zusammenfasste. Daten der UN-Seeschifffahrts-Organisation IMO zufolge spiegele dies in etwa die Angriffsrate vom 3. bis 5. Oktober wider und deute auf eine neue Eskalation hin. «Es gibt eine Erhöhung der Schlagzahl bei den Angriffen, die absichtlich wirkt», sagte ein Insider aus dem Bereich der maritimen Sicherheit.
(Reuters)

