Der Markt werde sich nicht zu einem Duell nach dem Muster «Cola gegen Pepsi» entwickeln, sagte Mike Doustdar der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. Vielmehr setze der dänische Pharmakonzern auf eine breite Palette an Behandlungsformen wie Tabletten, um im Wettbewerb zu bestehen. Investoren unterschätzten derzeit den Bedarf der Patienten an unterschiedlichen Medikamenten, erklärte der Manager, der vor einem Jahr an die Spitze des Unternehmens gerückt war.
Die Patienten begännen gerade erst zu verstehen, welches GLP-1-Medikament am besten zu ihnen passe. Mit der Zulassung neuer Arzneien erwartet Doustdar eine stärkere Segmentierung des Marktes. «Im Moment gehen die Anleger davon aus, dass es sich um ein Alles-oder-nichts-Spiel zwischen zwei Akteuren handelt - es gibt einen Verlierer und einen Gewinner», sagte er.
Die Zukunft der sogenannten GLP-1-Medikamente sehe jedoch anders aus: «Es wird Cola und Pepsi und Fanta und Dr Pepper und Red Bull geben. Die Menschen sind durstig, und sie können ihre Wahl treffen.» Analysten schätzen, dass das Geschäft mit den Abnehmspritzen bis 2030 ein Volumen von mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr erreichen wird. Allein in den USA gelten mehr als 100 Millionen Erwachsene als fettleibig.
Novo Nordisk hatte mit Wegovy als erstes Unternehmen eine hochwirksame GLP-1-Spritze zur Gewichtsreduktion auf den US-Markt gebracht, geriet zuletzt aber durch das Konkurrenzprodukt Zepbound von Eli Lilly unter Druck. Dies spiegelt sich auch an der Börse wider: Während die Aktien von Novo Nordisk seit ihrem Höchststand im Jahr 2024 deutlich nachgegeben haben, stiegen die Papiere von Eli Lilly weiter an und trieben den Börsenwert des US-Konzerns auf über eine Billion Dollar.
Zentraler Baustein der neuen Strategie ist die Tablettenform von Wegovy
Doustdar verglich seine Vision für das Adipositas-Geschäft mit dem Insulin-Portfolio von Novo Nordisk. Dort decke das Unternehmen mit zwölf verschiedenen Marken die Hälfte des Weltmarktes ab, anstatt ihn mit einem einzigen Präparat zu dominieren. «Sie alle senken den Blutzucker, aber sie haben auch unterschiedliche Wirkweisen. GLP-1-Medikamente reduzieren alle das Gewicht, aber sie wirken ebenfalls unterschiedlich.»
Ein zentraler Baustein der neuen Strategie ist die Tablettenform von Wegovy. Diese halte derzeit einen Marktanteil von 90 Prozent bei den oralen GLP-1-Medikamenten, sagte der Konzernchef. Ein Grund dafür seien Daten, die einen grösseren Gewichtsverlust belegten als bei der Foundayo-Abnehmpille von Eli Lilly.
Es sei zwar schwer vorherzusagen, wie viele Patienten letztlich auf Tabletten umsteigen würden. «Wir sind aber in einer sehr guten Position, wenn es zu einem 50-50-Markt zwischen oralen Medikamenten und Spritzen kommt», erklärte Doustdar. Bereits im Januar hatte Novo Nordisk prognostiziert, dass Tabletten bis 2030 mehr als ein Drittel der GLP-1-Nutzung ausmachen könnten.
Auch bei künftigen Medikamenten gibt sich der Novo-Chef kämpferisch. Das Adipositas-Mittel CagriSema der nächsten Generation hatte Investoren in klinischen Studien zuletzt enttäuscht, da Patienten damit im Schnitt 23 Prozent ihres Körpergewichts verloren - verglichen mit mehr als 25 Prozent bei Zepbound. Das Medikament sei von den Anlegern praktisch abgeschrieben worden, räumte Doustdar ein.
Dennoch wolle Novo Nordisk das Mittel im kommenden Jahr auf den Markt bringen, da es eine starke Ergänzung zu bestehenden Behandlungen biete, sagte der Manager: «Ich frage die Leute dann: Wann hatte ein Arzt das letzte Mal nur ein einziges Medikament in seinem Arsenal, um Millionen von Menschen zu behandeln?»
(Reuters)
