Rekordpreise an den Tankstellen haben das Leben in Deutschland im September so stark verteuert wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Getrieben von hohen Energiepreisen kletterte die Inflationsrate auf 3,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Stärker waren die Verbraucherpreise zuletzt im Dezember 2023 mit 3,7 Prozent gestiegen. Nahrungsmittel waren dagegen zuletzt nur 0,4 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Dienstleistungen, darunter Pauschalreisen und Restaurantbesuche, verteuerten sich um 2,7 Prozent und damit nochmals geringer als in den Vormonaten.

Die Einschätzung von Bank-Ökonomen im Überblick:

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Bank

«Solange sich der Energiepreisschock nur in sehr begrenztem Umfang auf die übrige Wirtschaft ausbreitet, gibt es tatsächlich kaum einen Grund für die EZB, die Zinsen im kommenden Jahr weiter anzuheben. Jede weitere Zinserhöhung erhöht das Risiko einer ungerechtfertigten Abkühlung der Konjunktur. Sollten wir mit unserer Einschätzung richtig liegen - also die Ölpreise gegen Ende des Jahres sinken und die Folgewirkungen der höheren Energiepreise begrenzt bleiben -, erwarten wir für 2027 keine weiteren Zinserhöhungen. Sollten wir uns irren, könnte sich die Lage natürlich grundlegend ändern.»

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank

«Es kann entwarnt werden. Von Zweitrundeneffekten ist bislang nichts zu sehen. Die EZB wird ihren weiteren geldpolitischen Kurs eng an der Entwicklung der Kerninflationsrate ausrichten. Solange die Teuerung massgeblich von den Energiepreisen getrieben ist, werden die europäischen Währungshüter behutsam mit weiteren Zinserhöhungen umgehen.»

Sebastian Becker, Analyst bei der Deutschen Bank

«Wie befürchtet, ist die Inflation im September erstmals seit Ende 2023 wieder über die 3-Prozentmarke geklettert. Dies war aufgrund des anhaltend hohen Ölpreises und der rekordhohen Kraftstoffpreise absehbar. Allein die Energiepreiskomponente steuert mittlerweile mehr als einen vollen Prozentpunkt zur Gesamtinflationsrate bei. Dass der aktuelle Inflationsdruck nicht noch deutlich grösser ist, ist insbesondere der weiterhin sehr moderaten Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln zu verdanken. Auch die Kernrate hat bislang nicht auf den Energiepreisschock reagiert.»

Christoph Swonke, Analyst bei der DZ BANK

«Die Energiepreise - insbesondere die Kraftstoffpreise - haben die Inflationsrate weiter steigen lassen. (...) Verantwortlich hierfür sind neben dem Ölpreisanstieg infolge der Krise an der Strasse von Hormus auch knappe Raffineriekapazitäten, insbesondere bei Diesel. Auch bei Dienstleistungen und Waren zogen die Preise wieder etwas stärker an. Von Oktober bis Dezember wird die Neuauflage des Tankrabatts die Preisspitzen bei den Kraftstoffpreisen etwas abmildern.»

Elmar Völker, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg

«Die temporäre Entspannung an der Inflationsfront aus dem Frühsommer ist angesichts der erneuten Preisschübe an der Zapfsäule längst Geschichte. Höher war die Teuerung zuletzt vor fast drei Jahren. Und in den anderen grossen Euro-Staaten war der Sprung nach oben im September teils sogar noch deutlich grösser als in Deutschland. Für den Euroraum insgesamt wird Eurostat somit am Freitag gleichfalls einen kräftigen Zuschlag gegenüber dem Augustwert von 3,2 Prozent vermelden. Damit stehen die Zeichen deutlich auf eine weitere geldpolitische Straffung durch die EZB im vierten Quartal.»

Ralph Solveen, Analyst bei der Commerzbank

«Im kommenden Monaten dürften die Energiepreise wegen der vorübergehenden Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe (»Tankrabatt«) merklich fallen, sodass die Teuerungsrate im Oktober wohl wieder unter 3 Prozent liegen wird. Allerdings dürfte sie dort nicht lange bleiben. Denn Ende des Jahres wird nach den aktuellen Plänen der Tankrabatt auslaufen. Zudem dürfte die Kernteuerungsrate in den kommenden Monaten zulegen, da die Unternehmen ihre höheren Energiekosten mehr und mehr an ihre Kunden weitergeben dürften.»

(AWP)