Trotz hartnäckig hoher Inflation legt die Europäische Zentralbank eine Pause beim Leitzins ein. Die Notenbanker um EZB-Chefin Christine Lagarde beliessen den zum Steuern der Geldpolitik massgeblichen Einlagensatz am Donnerstag bei 2,50 Prozent. Wenige Stunden zuvor hatte die EZB den vorzeitigen Rückzug Lagardes für Februar 2027 bekanntgegeben und damit monatelange Personalspekulationen beendet.
Analysten und Finanzexperten sagten dazu in ersten Reaktionen:
Michael Heise, Chefökonom HQ Trust:
«Die EZB kann sich die Zeit nehmen, um die Inflationsentwicklung bis zur kommenden Sitzung abzuwarten und zu bewerten. Die bisherigen Zinserhöhungen und der kräftige Anstieg der Renditen an den Anleihemärkten bremsen den Preisdruck im Euroraum bereits. Entwarnung gibt es aber nicht, da eine Entspannung weder an den Energiemärkten noch in der Nahostkrise kurzfristig in Sicht ist. Im Dezember dürfte eine weitere Zinserhöhung erforderlich werden.
Der starke Anstieg der Risikoprämien für französische Staatsanleihen hat auch die Renditeaufschläge anderer Länder wie Italien oder Spanien etwas steigen lassen. Gegen länderspezifische Risikoaufschläge kann die Geldpolitik wenig ausrichten. Sie verteuern aber Kredite in den betroffenen Ländern und bremsen damit Wachstum und Inflation.»
Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
«Dass die EZB ihre Leitzinsen heute nicht erhöht, war klar. Aber hoffentlich lässt sie sich auf der nächsten Sitzung im Dezember von Frankreichs Haushaltskrise nicht von einem Zinsschritt abbringen. Denn die höheren Energiepreise dürften bald beginnen, auf die Preise anderer Güter und Dienstleistungen durchzuschlagen. Ausserdem sind die langfristigen Inflationserwartungen der Bürger bereits gestiegen. Ohne eine weitere Straffung der Geldpolitik dürfte sich die Inflation auf dem erhöhten Niveau festsetzen und mittelfristig nicht zum EZB-Ziel von zwei Prozent zurückkehren. Die EZB kann sich in Sachen Inflationsbekämpfung noch nicht zurücklehnen.»
Dean Turner, Chefvolkswirt für die Eurozone und das Vereinigte Königreich im Chief Investment Office von UBS Global Wealth Management:
«Die Entscheidung der EZB, die Zinsen unverändert zu lassen, war weithin erwartet worden. Dies sollte jedoch eher als eine 'straffungsorientierte Pause' - auf englisch 'hawkish pause' - denn als das Ende des Straffungszyklus betrachtet werden. Höhere Energiepreise bergen weiterhin Aufwärtsrisiken für die Inflation, während sich die Wirtschaft der Eurozone bislang als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen hat.
Die fiskalischen Herausforderungen Frankreichs dürften bei der Pressekonferenz zur Sprache kommen; da es jedoch keine Anzeichen für umfassendere finanzielle Spannungen gibt, gehen wir nicht davon aus, dass sie den Kurs der Geldpolitik verändern werden. Der Fokus der EZB liegt weiterhin darauf, sicherzustellen, dass sich die derzeitige, durch Energiepreise getriebene Inflation nicht zu einem dauerhafteren Problem entwickelt.
Vor diesem Hintergrund rechnen wir für Dezember mit einer weiteren Zinserhöhung um 25 Basispunkte. Sollte die Inflation hartnäckig bleiben und sich die wirtschaftliche Aktivität weiterhin robust zeigen, ist eine zusätzliche Zinserhöhung im März wahrscheinlich.»
Stefan Gerlach, Chefökonom bei EFG:
«Bislang waren die Zweitrundeneffekte begrenzt. Möglicherweise treten sie jedoch erst mit Verzögerung ein. Die Unternehmen scheinen einen Teil des Anstiegs der Energiekosten durch tiefere Gewinnmargen aufgefangen zu haben. Bleiben die Energiepreise hoch, werden die Unternehmen versuchen, ihre Margen durch Preiserhöhungen wiederherzustellen, wodurch sich der Inflationsdruck auf andere Waren und Dienstleistungen ausweiten würde.
Unterdessen sind die Renditen langfristiger Anleihen im gesamten Euroraum, insbesondere in Frankreich, deutlich gestiegen. Höhere Kreditkosten werden die Konjunktur schwächen und die Inflation dämpfen, wodurch die Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen abnimmt. Die Unsicherheit bezüglich der französischen Finanzpolitik belastet das Vertrauen der Unternehmen und der Konsumenten und schwächt die Nachfrage. Weitere Zinserhöhungen der EZB würden die Bedenken hinsichtlich der Tragbarkeit der französischen Staatsverschuldung verstärken. Beide Überlegungen sprechen für Vorsicht.
Die Sitzung im Dezember, an der neue Konjunkturprognosen vorgelegt werden, wird entscheidend sein. Die EZB muss beurteilen, ob eine verzögerte Weitergabe der Energiepreise die Inflation stützen wird oder ob höhere Finanzierungskosten diesen Druck ausgleichen werden.»
(Reuters/cash)

