Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und dem Iran schürt an den ‌Börsen die ⁠Sorge vor Lieferausfällen. Allerdings verläuft der Ölpreisanstieg eher allmählich und nicht so explosiv, wie vielleicht erwartet. Von seinem im April erreichten Jahreshoch von 126 Dollar ⁠ist der Brent-Preis noch weit entfernt. Dafür gibt es mehrere Gründe, die von alternativen Lieferrouten über eine schwächere Nachfrage bis hin zu steigender Produktion ausserhalb des Nahen Ostens reichen.

Angebotslage trotz Angriffen besser als erwartet

Trotz des Krieges fliessen weiterhin erhebliche Mengen Öl aus dem Nahen Osten auf den ‌Weltmarkt. In den vergangenen Tagen wurden von dort täglich rund neun ​Millionen Barrel Rohöl und eine weitere Million Barrel an Ölprodukten exportiert, sagt Russell Hardy, Chef des weltgrössten unabhängigen Ölhändlers Vitol. Das ist zwar deutlich weniger als die rund 20 Millionen Barrel vor Kriegsbeginn, zeigt jedoch, dass die Lieferungen nicht zum Erliegen gekommen sind. Die Produzenten am Golf haben zudem alternative Routen gefunden, um die weitgehend blockierte Wasserstrasse von Hormus zu umgehen. So stiegen die Exporte über den ägyptischen Hafen Sidi Kerir im August auf mehr ‌als das Doppelte des Volumens vom Juni. Auch die Ausfuhren des zweitgrössten Opec-Produzenten Irak sowie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait erholten sich oder blieben stabil. Die Ölexporte des Irans sind aufgrund der US-Blockade indes eingebrochen.

Andere Förderländer springen in die Bresche

Ein Teil des Ausfalls wird von Ländern ausserhalb der Opec ausgeglichen. ​So werden die USA, Kanada und die südamerikanische Republik Guyana ihre Produktion in diesem Jahr um zusammen ​1,4 Millionen Barrel pro Tag steigern, sagt Jarand Rystad, Gründer von Rystad Energy. Auch die ​russischen Rohölexporte hielten sich im Juli und August mit rund 5,5 Millionen Barrel täglich stabil und lagen damit 23 Prozent über dem Niveau vom Februar. Dies liegt auch daran, dass ‌russische Raffinerien nach ukrainischen Angriffen weniger Öl verarbeiten können und mehr Rohöl für den Export zur Verfügung steht.

Nachfrage lässt deutlich nach

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der erhebliche Nachfrageausfall. Dieser beläuft sich laut Rystad im dritten Quartal auf 3,5 Millionen Barrel pro Tag. Mehr als die Hälfte davon entfällt auf China. Der ​grösste Ölimporteur ​der Welt hat seine Seeimporte im Juli und August auf sieben Millionen ⁠Barrel täglich reduziert, im Vergleich zu mehr als elf Millionen im Februar. Gründe dafür sind ​die zunehmende Elektrifizierung des Verkehrs und der ⁠Einsatz von Kohle zur Herstellung von Chemikalien. Die Nachfrage aus dem Reich der Mitte wird den Analysten von Sinopec zufolge 2026 den dritten jährlichen Rückgang ‌in Folge verzeichnen und um 600.000 Barrel pro Tag sinken. Darüber hinaus verfügt Peking über riesige Ölreserven, die von der Analysefirma Kpler auf 1,17 Milliarden Barrel geschätzt werden.

Physischer Markt ist dennoch angespannt

Gleichzeitig sind die Preise für kurzfristig lieferbares Öl am Spotmarkt gestiegen ‌und haben den höchsten Stand seit April erreicht. «Das zeigt uns derzeit, dass die Lage am physischen Markt unglaublich ​angespannt ist», sagt David Fyfe, Chefvolkswirt bei Argus. «Noch wichtiger ist, dass sich auf dem Dieselmarkt eine Verknappung abzeichnet.» Die jüngste Eskalation zwischen den USA und dem Iran dürfte die Exporte aus der Golfregion beeinträchtigen, während die Nachfrage steigt, da Raffinerien ihre Dieselproduktion hochfahren – der Preis für den Kraftstoff hat in den USA ein Rekordhoch ‌erreicht.

(Reuters)