Wenn der Supertanker «Esteem Explorer» Ende November mit rund zwei Millionen Barrel Rohöl an Bord von den USA nach Japan aufbricht, wird die Fahrt 81 Millionen Dollar kosten. Dieselbe Tour hätte 2025 mit durchschnittlich 9,1 Millionen Dollar nur einen Bruchteil gekostet.
Die so merklich teurer gewordene Reise der «Esteem Explorer» zeigt, wie Tanker-Frachtraten die Preise weiter in die Höhe treiben – nicht nur für Öl selbst, sondern für vieles andere. Denn Raffinerien verarbeiten das Rohöl zu Benzin, Diesel und Kerosin, die wiederum für den Transport von Lebensmitteln, Konsumgütern und Baumaterialien benötigt werden. Die steigenden Kosten treiben also die Inflation an.
«Alles wird teurer, weil dies die Art und Weise ist, wie wir das Zeug transportieren», sagte Kenneth Medlock, Energie-Experte am Baker Institute for Public Policy in Houston. «Es passiert nicht alles sofort.» Aber je länger die Entwicklung andauere, desto hartnäckiger werde sie. «Dies bedeutet dauerhafte Auswirkungen im Supermarkt, im Einzelhandel oder im Einkaufszentrum.»
Frachtraten machen mittlerweile mehr als 40 Prozent des Preises für US-Rohöl aus, im Jahr 2025 lag dieser Anteil im Durchschnitt noch bei sieben Prozent. Die Rechnung basiert auf Daten des Informationsanbieters LSEG und einem Ölpreis von rund 95 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter) am Mittwoch.
Experte Medlock rechnet vor: Die Transportkosten der «Esteem Explorer» belaufen sich pro Barrel Rohöl auf 40,50 Dollar. Wenn sich die Verschiffung von jedem Fass um zehn Dollar verteuere, müssten Kunden rund 23 US-Cent mehr für jede Gallone (knapp 3,79 Liter) Benzin bezahlen. Auf dieser Grundlage schlagen die Transportkosten der «Esteem Explorer» nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters mit mindestens 80 US-Cent pro Gallone mehr zu Buche als im vergangenen Jahr.
Fahrt auf Hormus-Route bringt eine Million Dollar pro Tag
Angriffe auf Schiffe im Zusammenhang mit dem Iran- und dem Ukraine-Krieg haben nicht nur die Frachtkosten, sondern auch die Versicherungsraten in die Höhe getrieben. Die Kosten für den Öltransport von der Strasse von Hormus und dem Roten Meer in Nahost nach Asien stiegen in dieser Woche auf ein Rekordhoch von rund 34 Dollar pro Barrel, da die Reedereien eine Risikoprämie für mögliche Angriffe einkalkulieren.
Um Attacken zu entgehen, wählen die Schiffe zudem längere Routen, was die Tanker länger bindet. Transporteure von saudischem Öl setzen zudem mehr Tanker ein als zuvor und pumpen das Öl auf offener See von Schiff zu Schiff um. Damit sollen die Risiken für einzelne Tanker verringert werden. Diese Strategie hat die Verfügbarkeit von Schiffen verringert, die Kosten erhöht und die Zeit verlängert, die die Ladungen auf dem Wasser verbringen. Der daraus resultierende Mangel an Supertankern wie der «Esteem Explorer» treibt auch die Preise für kleinere Schiffe nach oben.
Ungeachtet aller zusätzlichen Kosten haben die Verwerfungen auf dem Ölmarkt bestimmten Tankerreedereien einen unerwarteten Geldsegen beschert: Wenn sie die riskante Rundreise vom Persischen Golf durch die Strasse von Hormus nach Asien wagten, nähmen sie zuletzt bis zu 1,3 Millionen Dollar pro Schiff und Tag ein, sagte Georgios Sakellariou, Frachtanalyst bei Signal Ocean.
Im Jahr 2025 lagen die Einnahmen im Durchschnitt noch bei 55'000 Dollar. «Wenn Sie mir vor sechs Wochen gesagt hätten, dass wir eine Million Dollar pro Tag sehen würden, hätte ich Ihnen nicht geglaubt», erklärte Michelle Wiese Bockmann, leitende Analystin beim maritimen Informationsdienst Windward.
(Reuters)

