Onkologie - Zu viele Krebsmedikamente? Industrie wetteifert um Therapien

Die Pharmaindustrie hat über 5200 Krebsmedikamente in der Pipeline. Der gut gefüllte Markt macht es Investoren nicht einfach.
27.05.2018 10:27
Blick in ein Roche-Labor: Vor 20 Jahren waren Roche-Krebsmedikamente fast konkurrenzlos.
Blick in ein Roche-Labor: Vor 20 Jahren waren Roche-Krebsmedikamente fast konkurrenzlos.
Bild: Bloomberg

Das Wetteifern der Pharmaindustrie um neue Therapien zur Behandlung von Krebs nimmt nie dagewesene Ausmasse an. Wissenschaftler arbeiten gegenwärtig an insgesamt mehr als 5200 Krebsmedikamenten, 7,6 Prozent mehr als 2017. Mehr als 2000 davon sind neuartige Immuntherapien - sie gelten bereits seit einigen Jahren als eines der vielversprechendsten Felder der Krebsmedizin.

Noch nie war der Markt so heiss umkämpft, doch für die Industrie ist es ein lukratives Geschäft: Neue Behandlungen kosten oft mehr als 100'000 Dollar im Jahr. Und so machen Krebsmittel inzwischen mehr als ein Drittel der gesamten Pipeline der Pharmabranche aus, fast 27 Prozent mehr als noch 2010. Wissenschaftler haben es immer schwerer, genügend Patienten für ihre Studien zu bekommen. Und für Investoren steigt die Herausforderung, in diesem überfüllten Markt auf das richtige Pferd zu setzen.

"Mehr Wettbewerb bedeutet, dass man vorsichtiger sein sollte", sagte Nooman Haque, der den Bereich Life Science bei der Silicon Valley Bank in London verantwortet. "Die traditionelle Investmenttheorie in der Biotechnologie zielt darauf ab, dass man eine differenzierte Therapie mit wenigen Wettbewerbern hat. Hier haben wir selbst bei einem grossen Vorteil für die Patienten das Problem, dass wir nicht wissen, wie lange der Vorsprung halten und was der kommerzielle Vorteil sein wird."

100-Milliarden-Markt

Die Immuntherapie ist das am schnellsten wachsende Feld im jährlich 100 Milliarden Dollar schweren Markt für Krebsmedikamente. Bis 2021 werden ihr Umsätze von mehr als 25 Milliarden Dollar zugetraut. "Der Innovationszyklus hat sich deutlich verkürzt", sagt Aiman Shalabi, Vorstand beim amerikanischen Krebsforschungsinstitut CRI.

Für die Gesellschaft hat das auch einen Vorteil: Patienten werden viel schneller als in der Vergangenheit wissen, ob ein neuer Ansatz funktioniert. Da heisst aber auch, dass Ärzte schneller zu Alternativen greifen können und dass für die Pharmafirmen die Gewissheit über künftige Umsätze sinkt.

Für Investoren stellt der Ansturm von Pharma- und Biotechfirmen auf dieses Gebiet ein Dilemma dar. Die Flut an ähnlichen Medikamenten erschwert es ihnen, die Unternehmen auszuwählen, die wirklich erfolgreich sein werden. Und der Markt boomt nicht nur in Europa und den USA. In China gibt es inzwischen 162 Studien mit genetisch veränderten Abwehrzellen, sogenannten CAR-T-Zellen, und damit sogar mehr als in den USA. Erst im vergangenen Jahr wurden die weltweit ersten CAR-T-Therapien von Novartis und Gilead zugelassen.

Roche war einst konkurrenzlos

Als der Pharmariese Roche vor 20 Jahren seine damals hochmodernen Krebsmedikamente Herceptin und Rituxan auf den Markt brachte, konnte er Jahre ohne wirklichen Wettbewerb ausnutzen. Heute gibt es mehrere Versionen neuer Medikamente, die alle auf die gleichen molekulare Signalwege abzielen. "Entweder sind sie der Erste, der Beste oder sie sind nirgends, weil es so ein Rennen geworden ist", sagt Paul Major, Investmentmanager bei BB Healthcare Trust.

Lydia Haueter von der Vermögensverwaltung Pictet Asset Management weist darauf hin, dass es bereits fünf zugelassene Krebs-Immuntherapien gibt, die auf das Protein PD-1/L1 abzielen. Dieses hilft dem Krebs, eine Immunreaktion zu umgehen. Sie kommen von den US-Pharmakonzernen Merck und Bristol-Myers Squibb, von Roche, AstraZeneca sowie die deutsche Merck in Zusammenarbeit mit Pfizer. Weitere stehen bereits in den Startlöchern. "Es scheint so, dass jeder ein PD-1-Mittel hat, also investieren wir gerade nicht in diese Art von Krebs-Unternehmen."

(Reuters)