Peter Voser im Interview - ABB-Chef macht sich auf Gegenwind gefasst

Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB rechnet mit einem turbulenten Jahr 2019.
09.07.2019 17:00
«Das Erreichen unserer Ziele ist eine einfache Rechnung»: Peter Voser, VR-Präsident und Interims-CEO von ABB
«Das Erreichen unserer Ziele ist eine einfache Rechnung»: Peter Voser, VR-Präsident und Interims-CEO von ABB
Bild: ZVG

"Es gibt deutlichen Gegenwind in einigen der Märkte, in denen wir tätig sind", sagt Peter Voser in seinem ersten Interview als Konzernchef der Nachrichtenagentur Reuters. "Man sieht eine Verlangsamung im Automobilsektor rund um den Globus, die sich auf den Robotik-Markt auswirkt, und das werden wir auch irgendwann spüren." Das Geschäft mit Kunden aus der Nahrungsmittel- und Getränkebranche wachse dagegen weiterhin. Doch auch der laufende Konzernumbau mit dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts und weiteren Veränderungen im Geschäftsportfolio dürfte sich im Ergebnis 2019 niederschlagen. "Wir befinden uns in der 'Heavy Lifting'-Phase", sagt Voser in dem am Dienstag veröffentlichten Interview.

"2020 wird ruhiger, wir werden sehen, dass die vier Divisionen Verantwortung übernehmen und liefern," erklärt er weiter. Danach werde ABB gemessen an den Wettbewerbern weiter Boden gutmachen. Die Verbesserungen dürften schneller kommen als viele erwarteten. Voser will den Einfluss der Konzernzentrale beschränken und den einzelnen Geschäften mehr Eigenständigkeit einräumen. Dies soll auch die Profitabilität von ABB, das unter anderem Siemens zu seinen Wettbewerbern zählt, ankurbeln. "Das Erreichen unserer Ziele ist eine einfache Rechnung - wir müssen mehr Aufträge und Umsätze erwirtschaften und die Kosten kontrollieren." ABB habe sich auf der Kostenseite kontinuierlich verbessert, sei aber nicht genug gewachsen. Ein weiteres unternehmensweites Kostensenkungsprogramm werde es nicht geben.

Keine Abspaltung weiterer Divisionen

Voser stellt weitere Veränderungen im Konzernportfolio in Aussicht. Dazu gehörten Transaktionen wie die am Dienstag angekündigte Veräusserung des Solarwechselrichtergeschäfts. Insgesamt peile ABB Verkäufe von Unternehmensteilen mit kumulierten Umsätzen von bis zu drei Milliarden Dollar an - rund einem Zehntel des Gesamtumsatzes. Auf der anderen Seite wären kleine und mittelgrosse Zukäufe sinnvoll, um die bestehenden vier Divisionen Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebe und Roboter zu stärken, sagt der Interims-CEO. "Ich spreche definitiv nicht von Mega-Deals."

Auch von der Abspaltung einer weiteren Division oder einer kompletten Aufspaltung des Konzerns, wie das etwa der aktivistische Investor Artisan fordert, will der 61-Jährige gegenwärtig nichts wissen. "Wir sind laufend dabei, das Portfolio zu analysieren, aber in diesem Stadium sieht der Verwaltungsrat keine Notwendigkeit, über das hinaus zu gehen, was wir dem Markt bereits vorgestellt haben."

«Nach drei Konjunkturzyklen gehen einem die Ideen aus»

Voser hatte Mitte April zusätzlich zu seiner Funktion als Verwaltungsratspräsident auch den CEO-Posten übernommen, bis ein dauerhafter Nachfolger gefunden ist. Er wollte sich nicht in die Karten blicken lassen, bis wann er einen neuen Konzernchef vorstellt. "Aber was ich sagen kann: Bei der Suche sind wir dem Plan voraus." Trotz der grossen Bedeutung der Digitalisierung komme der neue Chef oder die neue Chefin voraussichtlich aus einem Industrie- und nicht einem Software-Unternehmen und müsse auch nicht notwendigerweise Erfahrung als Konzernchef haben. Die Amtszeit des neuen Chefs müsse auf mindestens fünf Jahre angelegt sein. "Wenn man das Betriebssystem einschliesslich der kulturellen Bestandteile eines Unternehmens ändert, dauert das drei, vier Jahre, bis man soweit ist."

Als Verwaltungsratspräsident wolle Voser, der das Amt seit 2015 bekleidet, noch längere Zeit bei ABB bleiben. "Aber ich kann nicht vorhersagen, für wie viele Jahre." Er sei ein Befürworter von Fristen für Verwaltungsratsmandate von neun oder zehn Jahren, wie sie in Grossbritannien oder den USA gelten würden. "Sie können sich nicht ständig neu erfinden, Ihnen gehen nach drei Konjunkturzyklen frische Ideen aus."

(Reuters)

 

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