Piccard: «Das billige Öl ist fantastisch»

Der Schweizer Luftfahrt-Pionier Bertrand Piccard äussert sich im Video-Interview mit cash.ch zu den Auswirkungen der tiefen Erdölpreise, zum Weiterflug von «Solar Impulse 2» und zu seinem neuen «Satelliten»-Projekt.
15.01.2016 14:05
Von Daniel Hügli, Interlaken
Bertrand Piccard im Gespräch mit cash am Alpensymposium Interlaken.
Bild: cash

Wer gemeint hätte, der tiefe Erdölpreis bedeute ein Rückschlag für Befürworter der Energiewende und für den Umweltschutz, wird von Bertrand Piccard eines besseren belehrt. Der Westschweizer Luftfahrtpionier ist der Meinung, dass das Tief beim Erdölpreis eine grosse Chance ist für die erneuerbaren Energien.

"Es ist fantastisch, dass Erdöl jetzt so billig ist. Das erlaubt es Produzenten, mehr und billigere Solarzellen, Windturbinen oder Wärmepumpen herzustellen", sagte Bertrand Piccard im Video-Interview mit cash am Rande des Alpensymposiums diese Woche in Interlaken. Für die Produktion dieser Produkte brauche es billige Energie. "Das müssen wir jetzt machen. Nachher brauchen wir die alte und schmutzige Energie nicht mehr." Piccard verweist auf die Tatsache, dass auch sein Solarflugzeug "Solar Impulse 2" auf der Basis von Erdöl erbaut wurde. 

Der tiefe Erdöl- und damit auch Benzinpreis wirft deshalb die Frage auf, ob er dem Umweltschutz abträglich sei. Denn etwa in den USA erleben Kolosswagen wie der Hummer wegen der fallenden Spritpreise ein Comeback. Und tiefe Ölpreise verminderten den Druck auf Firmen, in erneuerbare Energien zu investieren. Allerdings sind auf positive Effekte für die Umwelt zu beobachten: So werden weltweit mehr und mehr Projekte für den teuren und umweltbelastenden Abbau von Ölsand gestoppt. 

Einen Rohölpreis unter 30 Dollar wie jetzt hat es seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr gegeben. Für viele Förderländer und Ölkonzerne ist der Preisverfall mitunter dramatisch. Malaysia verliert nach Schätzungen seiner Regierung für jeden Dollar, um den sich das Barrel Rohöl verbilligt, 63,2 Millionen Euro. Der Konzern ConocoPhillips verliert nach Schätzungen für jeden Preisverfall von zehn Dollar bei Rohöl 1,79 Milliarden Dollar Quartalsgewinn.

Mit «Solar Impulse» startete Piccard zusammen mit André Borschberg im letzten Jahr in Abu Dhabi zur ersten Erdumrundung eines Solarflugzeuges, nachdem schon 2012 der erste Interkontinentalflug gelungen war. Eigentlich wollten die beiden Piloten die Weltumrundung noch 2015 schaffen.

Ein Stopp in der Schweiz?

Während der Überquerung von Japan nach Hawaii überhitzten aber die Batterien des Solar-Flugzeugs, weshalb es auf Hawaii überwintern muss. Piccard musste 20 Millionen Franken an neuen Sponsorengeldern auftreiben. Im Februar sind Bodentests geplant und im März folgen Testflüge.

In der zweiten Hälfte des Aprils soll dann der Weiterflug via Westküste der USA, New York, Europa zurück nach Abu Dhabi erfolgen. "Ich hoffe, wir können dabei einen Stopp in der Schweiz einlegen", so Piccard zu cash. Und für ihn ist jetzt schon klar: "Wir konnten beweisen, dass saubere Technologien und erneuerbare Energien reif sind." Die Weltumrundung in mehreren Etappen erfolgt ohne einen Tropfen Treibstoff. Das Leichtflugzeug wird auf seiner 35'000 Kilometer langen Reise von mehr als 17'000 Solarzellen angetrieben. 

Piccard, Sohn des Tiefseeforschers Jacques Piccard, denkt noch vor Beendigung der Weltumrundung bereits an sein nächstes Projekt. Dies sei so etwas wie "Solar Impluse" ohne Pilot. "Dieses Objekt würde 20 Kilometer über der Erdoberfläche schweben und für Jahre dort bleiben", so Piccard zu cash. Es sollte wie ein Satellit wirken und Telekommunikations-Funktionen wie WLAN und GPS übernehmen. "Aber viel billiger und viel nachhaltiger". 

Piccard ist "hauptberuflich" eigentlich Arzt und Psychiater. Verantwortlich dafür ist seine Mutter. Sie hat Piccard wegen ihrer Liebe zu Psychologie, Spiritualität und orientalischen Religionen ein neues Feld eröffnet, wie er einmal sagte. Piccard hat kürzlich sein neues Buch "Die richtige Flughöhe" publiziert, in dem er auch den Umgang mit schwierigen Situationen im Leben thematisiert.

Er selber sagt dazu: "Um im Leben die Richtung zu ändern, muss man Dogmen über Bord werfen. Ich hatte auch immer starke Überzeugungen. Aber ich habe gelernt, sie loszulassen. Wenn man sein Leben in der täglichen Routine verbringt, bleibt man in einem selbst errichteten Gefängnis aus Ängsten, Erziehung und Gewohnheiten", wie er in einem Interview mit dem "Zeit Magazin" sagte.

Im cash-Video-Interview äussert sich Bertrand Piccard detailliert über "Solar Impulse 2" und über sein neues Buch.