Prämien & Co - Viele wechseln die Krankenkasse nicht - doch es gäbe gute Gründe dafür

Der Herbstanfang bedeutet auch, sich über die Krankenkasse Gedanken zu machen. Der Grossteil der Schweizer bleibt dem bisherigen Anbieter treu, doch das kann ins Geld gehen. Warum und wie man die Krankenkasse wechselt.
18.09.2017 09:27
Von Marc Forster
Ein Arzt auf Visite: Die Krankenkassen-Grundversicherung ist in der Schweiz vorgeschrieben.
Ein Arzt auf Visite: Die Krankenkassen-Grundversicherung ist in der Schweiz vorgeschrieben.
Bild: pixabay.com

Auf Anfang 2017 wechselten in der Schweiz 684‘000 Versicherte von sich aus die Krankenkasse. Das sind 8,3 Prozent all jener, die in der Grundversicherung sind. Vor Ende November, wenn die Kündigung der alten und die Wahl der neuen Krankenkasse abgeschlossen sein muss, hatten noch 14 Prozent angegeben, sie hätten den Wechsel vor. Doch wie die Statistiken immer wieder zeigen, sind die Schweizer generell träge, wenn es um diesen Schritt geht.

In einem reichen Land wie der Schweiz stört es viele nicht gross, wenn die Kosten steigen. Steigen die Prämien um 4,5 Prozent, wie das auf 2017 der Fall war, macht das im Jahr bei vielen einen tiefen dreistelligen Betrag aus. Da sich niemand an die Prämien von vor fünf Jahren erinnert, ist wenigen bewusst, wie stark die Kosten über längere Frist gestiegen sind.

Viele verpassen schlicht den Termin, oder beschäftigen sich nicht im Detail mit den Kosten der Krankenkasse. Dazu kommt, dass trotz dauernder Prämienerhöhungen viele mit ihrer Kasse zufrieden sind: In einer Comparis-Umfrage im vergangenen Jahr sagten dies zwei Drittel der Teilnehmer, selbst wenn sie annahmen oder wussten, dass sie nicht in der günstigsten Kasse waren. Die Treue zum angestammten Anbieter in der Schweiz ist generell gross. Menschen, die beispielsweise im Alltag nicht in Billig-Supermärken einkaufen, sind oft auch misstrauisch gegenüber den günstigsten Krankenkassen.

Verdoppelung der Prämien?

Vor allem bei älteren Menschen sinkt die Bereitschaft, die Krankenkasse zu wechseln. Dies hat damit zu tun, dass mit dem Alter und der grösseren Wahrscheinlichkeit von Krankheiten die Verunsicherung wächst, und man sich an Vertrautes klammert. Weder ein Wechsel des Hausarztes noch ein Wechsel der Krankenkasse passen dabei ins Bild. Auf 2017 wechselten laut Comparis bei den 56- bis 75-jährigen nur 5,2 Prozent die Kasse. Bei den 18- bis 35-jährigen waren es immerhin 12,3 Prozent. Jüngere Versicherte nutzen offensichtlich die Informations- und Vergleichsmöglichkeiten, wie sie im Internet schnell gefunden werden.

Der Grund, weswegen die Krankenkasse gewechselt wird, liegt fast immer an den Kosten. Aus organisatorischen, emotionalen oder ethischen Gründen wechseln nur wenige die Kasse. Die Prämien steigen laufend: Es gibt Stimmen wie etwa den Krankenkassenexperten Felix Schneuwly vom Vergleichdienst Comparis, die eine Verdoppelung der Prämien bis 2030 erwarten, wegen der wachsenden Bevölkerung, der demographischen Veränderung zu einer im Durchschnitt älteren Gesellschaft sowie auch Krankheiten, die durch eine sich immer schneller bewegende Welt bedingt sind.

Vergleicht man die heutigen Prämien mit dem Niveau von Mitte der 1990er Jahre, hat bereits eine Verdoppelung der Beiträge stattgefunden. Ein Abflachen dieser Entwicklung ist nicht abzusehen, trotz immer wieder auftretenden Bemühungen um eine Prämien-Fixierung oder einen Prämien-Stopp aus der Politik.

Die Krankenkassenprämien für nächstes Jahr sollten noch diesen Monat bekanntgegeben werden. Kaum jemand rechnet damit, dass es keine Erhöhungen geben wird. Laut der Konjunkturforschungstelle KOF der ETH Zürich steigen die Schweizer Gesundheitskosten dieses Jahr um 4,1 Prozent, nächstes Jahr um 3,9 Prozent. In nächsten Jahr dürfte jede Person in der Schweiz pro Jahr erstmals mehr als 10'000 Franken für die Gesundheit ausgeben. Dies liegt zum einen an den steigenden Gesundheitskosten, zum andern jedoch auch am verbreiteten Wohlstand.

Wer sich also mit dem Gedanken an einen Krankenkassenwechsel trägt, muss einige Punkte beachten. Die wichtigsten sind diese:

Grundversicherung: Die elementaren Leistungen der Krankenkassen sind überall gleich und sie sind Vorschrift für alle Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ungeachtet der Staatsangehörigkeit. Für die Grundversicherung müssen Krankenkassen jeden gewillten Kunden aufnehmen. Eine Unfalldeckung wird bei Angestellten oft erst mit der Pensionierung notwendig, da diese vorher vom Arbeitgeber übernommen wird.

Modelle: Das Standardmodell erlaubt freie Arztwahl. In der Regel mit günstigeren Prämien versehen sind Modelle mit Ärzteverbund oder Gesundheitszentrum, oder das Hausarztmodell, oder Beratung per Telefon. Das Hausarztmodell eignet sich nur bedingt für chronisch Kranke, weil diese die Behandlung durch Spezialisten benötigen.

Zeitpunkt: Die Grundversicherung muss bis zum 30. November gekündigt werden. Grundversicherungen bis 300 Franken Franchise können auch bis 31. März auf den 1. Juli gekündigt werden. Krankenkasse mit Ärztenetzwerk (HMO, Health Maintenance Organisation), Telmed und das Hausarztmodell können nur auf Jahresanfang gekündigt werden. Zusatzversicherungen müssen meistens bis 30. September gekündigt werden.

Vorgehen: Zum Krankenkassenwechsel muss schriftlich und sinnvollerweise per Einschreiben rechtzeitig die bestehende Krankenkasse gekündigt werden. Gleichzeitig muss der Antrag an den neuen Anbieter versendet werden. Musterbriefe dazu finden sich im Internet.

Zusatzversicherung: Leistungen, die über die Grundversicherung hinausgehen, können freiwillig abgedeckt werden. Eine Zusatzversicherung beinhaltet beispielsweise Behandlung durch Homöopathen, halbprivate oder private Spitalunterbringung oder zahnärztliche Behandlungen. Für Zusatzversicherungen verlangen die Krankenkassen aber das Ausfüllen eines Gesundheitsfragebogens und können Interessenten ablehnen (bei der Grundversicherung ist dies verboten).

Franchise: Es können Franchisen von 300, 500, 1000, 1500, 2000 oder 2500 Franken gewählt werden. Bis zu diesen Beträgen tragen die Versicherten die Kosten selber, dazu kommt noch ein Selbstbehalt bis 700 Franken. Je höher die Franchise, desto tiefer die Prämie. Realistischerweise und über mehrere Jahre gerechnet fährt man am besten entweder mit der tiefesten oder der höchsten Franchise, je nach Gesundheitszustand. Im Falle der höchsten Franchise müssen allerdings ausreichend verfügbare Mittel vorhanden sein.