Nach Auszählung von fast ⁠99 Prozent der Stimmen lag der 45-jährige Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro am Sonntag (Ortszeit) mit rund 47 Prozent ‌vor dem 80-jährigen Lula, der auf 44,9 Prozent kam. Damit verfehlten ‌beide Kandidaten die absolute Mehrheit. Umfragen zufolge dürften ​sich die beiden stärksten Bewerber in der zweiten Runde ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.

Das starke Abschneiden Bolsonaros kam überraschend, da Umfragen vor der Wahl Lula mit etwa drei Prozentpunkten vorn gesehen hatten. Lula räumte ein, das Ergebnis sei unerwartet gekommen. Er sei überzeugt gewesen, die Wahl bereits im ersten Durchgang zu ‌gewinnen, sagte der Amtsinhaber. Ab morgen beginne ein neuer Wahlkampf. Sein Herausforderer bedeute Ungewissheit für das Land. Bolsonaro zeigte sich dagegen sehr zufrieden mit dem Ausgang und erklärte, Brasilien wolle Veränderung.

Analysten zufolge ​profitierte Bolsonaro stark von Protestwählern, die eigentlich erst in einer möglichen Stichwahl gegen ​Lula stimmen wollten. Während Lula eine vierte Amtszeit anstrebt, ​hofft Flavio Bolsonaro, das rechte Lager seines Vaters wieder an die Macht zu bringen. Jair Bolsonaro verbüsst derzeit eine 27-jährige ‌Haftstrafe, weil er nach seiner Wahlniederlage 2022 einen Putsch geplant haben soll.

Ein Sieg Flavio Bolsonaros würde eine Welle rechter Wahlerfolge in Lateinamerika verlängern, die im Einklang mit US-Präsident Donald Trump stehen. Trump ​hatte den ​Senator im Weissen Haus empfangen und öffentlich gelobt. ⁠Lulas Verbündete warnten dagegen, die US-Regierung könnte im Falle ​eines Wahlsiegs des Amtsinhabers das Ergebnis ⁠nicht anerkennen. Der Wahlkampf war geprägt von Vorwürfen einer Einmischung der USA.

Zudem dominierten Sorgen über ‌die schwächelnde Wirtschaft und Korruptionsskandale die Wahlen. Zwar sind Arbeitslosigkeit und Ungleichheit gesunken, doch viele Brasilianer leiden unter hohen Lebenshaltungskosten. Die Staatsverschuldung liegt bei über 82 Prozent der ‌Wirtschaftsleistung. Neben dem Präsidenten haben die Brasilianer am Sonntag auch alle ​513 Mitglieder des Unterhauses sowie zwei Drittel des Senats bestimmt.

(Reuters)