Auch in der MDR-Runde der Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war dies vergangene Woche der Fall. Als gefragt wurde, wer für Gasimporte aus Russland sei, hielten nur der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und sein BSW-Mitbewerber Thomas Schulze die grüne Karte nach oben. Alle anderen, darunter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), lehnten Gasimporte aus dem Land vehement ab, das 2022 die Ukraine überfallen hat.
Siegmund folgt damit einer Linie, die die AfD-Spitze in Berlin schon im März mit Blick auf die ostdeutschen Landtagswahlen im September ausgegeben und gepflegt hatte. Der vermeintlich strategische Nachteil, dass die in Teilen als rechtsextrem eingestufte AfD eine besondere Russland-Nähe aufweist, soll sich zumindest bei den Ost-Wahlen positiv auswirken. Dass dies funktionieren kann, hat ökonomische und historische Gründe.
Iran-Krieg gibt der AFD Auftrieb – wegen hohem Gaspreis
So profitiert die AfD offenbar von dem andauernden Iran-Krieg und den dadurch stark gestiegenen Sprit- und Energiepreisen. Bei fast jedem Auftritt suggeriert die AfD-Spitze seit Beginn des Krieges, dass die Bürger entlastet werden könnten, wenn man nur wieder Öl und Gas aus Russland importieren würde. Der Preis sei wichtiger als die Frage, woher das Gas komme, argumentiert Siegmund in Veranstaltungen. Dass Russland selbst die Gaslieferungen nach Deutschland abgebrochen hatte, wird nicht erwähnt.
«Die Kombination aus hohen Energiepreisen und Russland funktioniert für die AfD jetzt», sagte der Politikwissenschaftler und AfD-Kenner Johannes Hillje der Nachrichtenagentur Reuters. «Denn das Argument ist viel stärker mit der Lebensrealität der Menschen verbunden als abstrakte geopolitische Aussagen.»
Schon im März zeichnete etwa AfD-Co-Chefin Alice Weidel dafür ein verklärtes Bild der Vergangenheit. «Wir haben grossartige Produkte produziert, wir haben wunderbare Autos gebaut, unsere Chemieindustrie war weltweit führend», sagte Weidel damals. All dies habe die Bundesregierung mutwillig aufgegeben. «Um die Energieabhängigkeit von den Golfstaaten abzusenken, müssen wir unbedingt gerade jetzt in dieser kritischen Situation in Verhandlungen mit Russland treten und für eine Aufhebung der Sanktionen plädieren», forderte sie, ohne den russischen Überfall auf die Ukraine zu erwähnen. Der AfD-Aussenpolitiker Markus Frohnmaier sagte Reuters, es sei wichtig, sofort «als ein Teil einer souveränen Energiestrategie auch wieder russisches Gas und Öl zu beziehen».
Das Argument im Osten funktioniert, weil auch Firmen dies fordern. So warnte Martin Naundorf, Vertriebsleiter bei der ostdeutschen Infra Leuna GmbH, im MDR schon im Dezember 2025, dass das vollständige Ende der EU-Gasimporte aus Russland ab 2027 zu weiter steigenden Preisen und einer Abwanderung von Unternehmen führen werde. Auch ostdeutsche CDU-Politiker wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fordern eine Kurskorrektur bei den Gasimporten, die die Bundesregierung aber wegen des russischen Angriffskrieges weiter ablehnt.
Nebeneffekt für die AfD: Wegen ihrer engen Kontakte zu Trumps Maga-Bewegung, aber eben auch zu Russland und China musste sie sich etwa von anderen Parteien «Vaterlandsverrat» vorhalten lassen. Doch nun kann sie mit Blick auf die Preise behaupten, Interessen deutscher Verbraucher zu vertreten. Vermischt wird dies in der Rhetorik von Spitzenkandidat Siegmund mit dem abstrakten Wunsch nach Frieden und der Behauptung, man müsse nur mit Moskau reden, damit der Krieg in der Ukraine endet. «Natürlich ist es ein Kriegsverbrechen, so wie viele andere Kriegsverbrechen auch auf der Welt», sagte Siegmund etwa am Mittwoch bei der «Mitteldeutschen Zeitung». «Aber Krieg ist keine Lösung. Für die Produktion von Waffen sei er nur, wenn diese nicht in die Ukraine gingen. Deshalb geisselt die Partei auch die sehr hohen Verteidigungsausgaben als unnötig.»
Andere Einstellung gegenüber Russland und Westdeutschland
«Es war zu erwarten, dass die AfD vor den Landtagswahlen im Osten wieder mehr Nähe zu Russland sucht», sagte Politikberater Hillje. Das liegt auch daran, dass in Ostdeutschland die Russland-Affinität offenbar deutlich grösser ist als im Westen. «Es gibt in der ostdeutschen Bevölkerung die verbreitete Einschätzung, dass die Abkoppelung von Russland falsch war», sagte der Bochumer Politologe Oliver Lembcke. «Diese Debatte ist reiner Sauerstoff für die AfD im Osten.» Laut einer Umfrage des «Nordkurier» sprachen sich 50 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern dafür aus, Gas und Öl aus Russland zu beziehen, nur 34 Prozent waren dagegen.
Im Westen werde unterschätzt, wie stark die historische Prägung in der DDR für viele Menschen war, sagte auch Silke Satjukow, Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Halle-Wittenberg, zu Reuters. «Von der Wiege bis zur Bahre hörte jedes Kind in der Deutschen Demokratischen Republik, dass die Sowjetunion der Freund sei», betonte sie. Die alltäglichen Erfahrungen mit den Sowjets seien zwar nicht immer positiv gewesen – aber nicht so negativ, wie viele Westdeutsche vermuten. Die sowjetische Präsenz sei fester Bestandteil einer Identität gewesen, die vielen Menschen im Osten im Rausch der Wiedervereinigung entrissen wurde.
«Da ist einfach nicht diese Aversion gegen Russland», sagte auch die Linken-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Eva von Angern. Sie erklärte dies gegenüber ausländischen Journalisten übrigens auch damit, dass es in der DDR und der Nach-DDR-Zeit im Osten keine Aufarbeitung der russischen Rolle gegeben habe. Gulags, Vergewaltigungen, Vertriebene seien kein Thema gewesen.
Für Satjukow kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Nach der Einheit habe es für viele Menschen eine Phase gegeben, in der man sich vom Westen bevormundet gefühlt habe. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Abzug der Sowjets hätten auch die Jüngeren die Auswirkungen des Wandels auf ihre Eltern deutlich miterlebt. «Diese Generation trägt das Wissen in sich: Meine Eltern wurden gedemütigt», sagt Satjukow. «Sie wählen die AfD, weil sie noch eine Rechnung offen haben.»
(Reuters)

