Rechtfertigen tiefe Zinsen tatsächlich höhere Aktienkurse?

Eine Untersuchung der britischen Grossbank Barclays geht der Frage nach, ob tiefe Zinsen zwingend zu höheren Aktienkursen führen - mit einem überraschenden Ergebnis.
26.08.2016 08:34
Von Lorenz Burkhalter
Zinsen und Aktienkurse: Besteht eine Wechselwirkung?
Zinsen und Aktienkurse: Besteht eine Wechselwirkung?
Bild: Bloomberg

Wegen den historisch tiefen Zinsen gibt es für Anleger kein Vorbeikommen an Aktien, so heisst es schon seit Jahren. Doch obwohl die Zinsen hierzulande in den letzten Monaten noch einmal kräftig gefallen sind, notieren die Aktienindizes unter ihren Bestmarken vom vergangenen Sommer. Nur gerade an der Börse in New York scheint diese Theorie aufzugehen, schreibt diese dank rückläufigen Anleihenrenditen doch schon seit Wochen neue Kursrekorde.

Aus diesem aktuellen Anlass gehen die Aktienstrategen der britischen Grossbank Barclays in einer Untersuchung der Frage nach, ob tiefe Zinsen tatsächlich höhere Aktienkurse rechtfertigen. Ihr überraschendes Ergebnis: Während die Dividendenrendite von Aktien bei tiefen Zinsen an Attraktivität zunimmt und der Nettobarwert der Dividenden steigt, lässt sich diese These statistisch nicht belegen.

Eigentlich müsste der S&P-500-Index bei 3211 Punkten stehen

Den Experten zufolge orientiert sich der Kurs einer Aktie nicht ausschliesslich an der effektiven Dividende, sondern vor allem auch an der Erwartungshaltung der Anleger. In den vergangenen 70 Jahren sei die Ausschüttung bei den im amerikanischen S&P-500-Index vertretenen Unternehmen jährlich um gut 6 Prozent erhöht worden. In Anbetracht der zukünftigen Teuerungserwartungen und der Prognosen für die reale Wirtschaftsentwicklung werde sich dieses Wachstum über die nächsten Jahre auf weniger als 3,5 Prozent verlangsamen, so ist man sich bei Barclays sicher. Mit anderen Worten: Tiefere Zinsen schmälern das Dividendenwachstum.

Wie ein bankeigenes Dividenden-Diskontierungs-Modell zeigt, müsste der amerikanische S&P-500-Index im aktuellen Zinsumfeld bei 3211 Punkten notieren. Das wiederum liegt knapp 48 Prozent über dem Schlussstand von 2172,47 Punkten von Donnerstagnacht. Diese Diskrepanz erklären sich die Experten mit den geringeren Wachstumserwartungen der Anleger.

Auch das offizielle Jahresendziel der britischen Grossbank von 2200 Punkten für den S&P-500-Index lässt vermuten, dass die Strategen der geringen Wechselwirkung zwischen den Zinsen und den Aktienkursen keine allzu grosse Bedeutung beimessen.