Die Abstimmung gilt als erster ⁠Schritt auf dem Weg zu einer möglichen EU-Mitgliedschaft, die von der pro-europäischen Regierung angestrebt wird. Das Ergebnis wird wohl knapp werden. Einer aktuellen ‌Umfrage zufolge befürworten 51,3 Prozent der Befragten die Wiederaufnahme von Verhandlungen.

Stimmen die ‌Isländerinnen und Isländer für eine Aufnahme von Beitrittsgesprächen, wird ​mit rund zwei Jahre dauernden Verhandlungen mit Brüssel gerechnet. Über den tatsächlichen Beitritt muss Island dann in einem zweiten Referendum entscheiden, das im Jahr 2028 stattfinden könnte. Sollte die Bevölkerung am Samstag mit Nein stimmen, wäre das Thema EU-Beitritt vorerst vom Tisch. Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir hat deutlich gemacht, dass ein Nein alle Spekulationen über eine ‌Mitgliedschaft beenden würde.

Befürworter argumentieren, eine EU-Mitgliedschaft stärke die Wirtschaft und helfe dem Land, sich im Ringen um geopolitischen Einfluss in der Arktis zu behaupten. US-Präsident Donald Trump hatte Interesse an einer Kontrolle über das benachbarte Grönland geäussert. Zudem ​würde Island Teil der EU-Zollunion und könnte den Euro einführen, was die Inflation ​und die Zinsen senken dürfte. Gegner befürchten dagegen, dass Macht und Entscheidungsgewalt ​an Brüssel abgegeben würden. Insbesondere die heimische Fischereiindustrie ist besorgt, dass die gemeinsame EU-Fischereipolitik ausländischen Schiffen den Zugang zu isländischen Gewässern gewähren ‌könnte. Darüber hinaus biete die eigene Währung, die Krone, Flexibilität in Wirtschaftskrisen.

Island hatte im Jahr 2009 bei der EU einen Beitrittsantrag gestellt, die Verhandlungen jedoch 2013 nach einem Regierungswechsel abgebrochen. Steigende Lebenshaltungskosten und der russische ​Angriffskrieg ​gegen die Ukraine haben die Debatte nun wiederbelebt. Die ⁠2024 gebildete Mitte-Links-Koalition hatte sich auf Druck der pro-europäischen Partei Vidreisn auf ​das Referendum geeinigt. Während Frostadottirs Sozialdemokraten ⁠den Beitritt befürworten, lehnt der dritte Koalitionspartner, die Volkspartei, diesen Schritt ab. Die oppositionelle Unabhängigkeitspartei führt die Kampagne gegen ‌die Beitrittsgespräche an.

Für die EU ist Island von strategischer Bedeutung. Ein Beitritt würde den Einfluss der Gemeinschaft in der Arktis stärken, die im Fokus des Machtkampfs der Grossmächte steht. ‌Das Nato-Mitglied Island verfügt über kein eigenes Militär, liegt aber an einer strategisch wichtigen ​Seepassage im Nordatlantik, die für russische Schiffsbewegungen von grosser Relevanz ist. Ausserdem gilt die Integration Islands im Vergleich zu Beitrittskandidaten wie der Ukraine oder den Westbalkanstaaten als unkompliziert, da das Land bereits eng mit dem EU-Binnenmarkt verflochten ist.

(Reuters)