Die Regionalverbände Europas (Uefa), Asiens (AFC) sowie Nord- und Mittelamerikas (Concacaf) erwögen, eine solche Abstimmung unter den 211 Mitgliedsverbänden der Fifa zu initiieren, sagten mehrere mit den Überlegungen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Es wäre wohl das erste Mal in der 122-jährigen Geschichte der Fifa, dass ein amtierender Präsident mit einem solchen Votum konfrontiert würde. Uefa, AFC und Concacaf stellen die Mehrheit der Fifa-Mitglieder, die einzelnen Landesverbände sind aber nicht an die Haltung der Regionalverbände gebunden.
Infantino hatte die Verbände massiv verärgert, als er im Alleingang einen milliardenschweren Teilverkauf der Rechte an Weltmeisterschaften und anderen Grossveranstaltungen an Investoren eingefädelt hatte. Angesichts des Widerstands gab die Fifa die Pläne wieder auf und entschuldigte sich, konnte die Regionalverbände damit aber nicht besänftigen. «Es gibt keinen Ausweg», sagte einer der Insider. «Entweder er geht auf friedliche Weise und entscheidet sich, im März nicht wieder anzutreten, oder er geht den harten Weg.» Man könne den Ketchup nicht wieder in die Flasche zurückdrücken.
Für die Einberufung eines ausserordentlichen Mitglieder-Kongresses braucht es nur ein Fünftel der Landesverbände. Die Versammlung muss innerhalb von drei Monaten angesetzt werden. Die Fifa hat keine spezifischen Regularien für ein Misstrauensvotum gegen ihren Präsidenten. Sie wollte sich zu dem Reuters-Bericht nicht äussern. Die Uefa verwies auf frühere Äusserungen, mit denen sie eine «eingehende und grundlegende Überprüfung» der Führung der Fifa gefordert hatte. Alle Optionen lägen dabei auf dem Tisch, hiess es damals. Die Concacaf verwies auf die gemeinsame Stellungnahme mit Uefa und AFC, in der von einem fundamentalen Vertrauensverlust die Rede war.
Ein Scheitern könnte Infantino stärken
Infantino will im März 2027 noch einmal antreten und weiss vor allem Vertreter aus Afrika und Südamerika hinter sich. Sechs Länder aus dem arabischen Raum, darunter Katar, der WM-Gastgeber von 2022, sowie Marokko, hatten sich zuletzt öffentlich hinter ihn gestellt. Einer der Insider sagte, die drei Regionalverbände tendierten zwar zu einem Misstrauensvotum, fürchteten aber auch, dass ein Scheitern Infantino noch stärken könnte - zumal sich bisher kein Gegenkandidat aus der Deckung gewagt hat.
In dieser Woche war bekanntgeworden, dass Betriebsdirektor Kevin Lamour den Weltverband mit sofortiger Wirkung verlassen hat. Er hatte Infantinos Vorstoss scharf kritisiert und gesagt, er habe die Belegschaft der Fifa mit dem Alleingang getäuscht. Fifa-Vizepräsident Sandor Csanyi hatte seine Unterstützung für Infantino zurückgezogen und erklärt, der Abschied von Lamour sei der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.
Michael Payne, ehemaliger Marketing-Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), bezweifelt, ob eine Wiederwahl von Infantino die Spaltung der Fifa beenden könne. «Man kann sich wohl mit einer 51-Prozent-Mehrheit vor allem kleiner Nationen durchmogeln - aber wie will man mit allen Fussball-Supermächten gegen sich die Organisation führen?» sagte Payne der Nachrichtenagentur Reuters. «Die Sponsoren runzeln die Stirn und sagen: Wie kann man nur so eine erfolgreiche Weltmeisterschaft organisieren und sich danach selbst in den Fuss schiessen?»
(Reuters)

