Rezession: Alles nur halb so schlimm?

Der Franken-Schock bedeutete für viele: Die Schweiz rutscht in eine Wirtschaftskrise. Aber ist die Angst auch berechtigt? cash-Leser haben dazu ihre eigene Meinung.
31.07.2015 01:05
Von Marc Forster
Der Maschinenbau leidet klar unter der Frankenstärke. Aber ist das auch Vorbote einer schweren Krise?

Für Martin Neff, den Chefökonomen der Raiffeisen-Gruppe, ist klar: "Das Wort Rezession ist zu oft bemüht worden." Neff sagt trotz Frankenstärke ein Wachstum der Schweizer Wirtschaftsleistung von 1,1 Prozent im laufenden Jahr voraus, relativiert diese Zahl aber gleich selbst: Im cash-Börsen-Talk sagte er nämlich, die Prozent-Prognosen der Wirtschaftsdeuter hätten nur begrenzte Aussagekraft darüber, wie viel Geld der Normalbürger in Zukunft zur Verfügung haben werde.

cash-Leserinnen und –Leser, ob Normalbürger oder nicht, teilen die Auffassungen Neffs mehrheitlich. Über Zwei Drittel oder nahezu 1000 von rund 1400 Umfrageteilnehmern hält die Rezessionsangst für übertrieben. 32 Prozent der Teilnehmer sind nach wie vor der Ansicht, dass der Schweiz eine schwere Zeit bevorsteht, eben eine Schrumpfung des Bruttoinland-Produkts (BIP). Das geht aus einer Umfrage hervor, die seit einer Woche auf cash.ch läuft.

Verlangsamung oder Rezession?

Die Frage stellt sich, ob die Schweiz nun eine Wachstumsverlangsamung erlebt - diese ist definitiv feststellbar - oder ob es wirklich eine "ausgewachsene" Rezession gibt. Per Definition würde die Schweiz eine Rezession erleben, wenn das zweite Quartal einen Rückgang des BIP zeigen würde. Denn: Im ersten Quartal war die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent rückläufig, und wenn das BIP auch im darauf folgenden Quartal schrumpft, heisst das Rezession. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco wird allerdings erst am 28. August seine Datenauswertung zum zweiten Quartal veröffentlichen.

Bis dahin bleibt die Prognosezunft aber nicht inaktiv. Soeben hat die Konjunkturforschungstelle der ETH Zürich Kof das Konjunkturbarometer veröffentlicht. Der darin enthaltene Wert stieg im Juli um 10 Punkte auf 99,8 Punkte und somit nah an den langjährigen Durchschnittswert. Laut der Kof deutet dies daraufhin, dass die Wirtschaft davon ausgeht, in den nächsten Monaten die Folgen der Aufhebung der Kursuntergrenze einigermassen ausbalancieren zu können.

Unternehmen mit schlechteren Zahlen

Gleichzeitig gibt die Kof auch den Hinweis ab, dass der Anstieg ihres Konjunkturbarometers nicht breit abgestützt sei, sondern im Wesentlichen gespeist werde durch Einkaufspreise, Exporterwartung und Wettbewerbsposition im verarbeitenden Gewerbe. Zahlreiche Unternehmen, die in diesen Tagen ihre Halbjahres- und Zweitquartalsergebnisse präsentieren, berichten von Franken-Schwierigkeiten. Beim Maschinenbauer Bucher beispielsweise gingen Umsatz, operativer und reiner Gewinn zurück. Gleiches Bild beim Maschinenbauer Bobst. Oder der Detailhandel: Ihm fehlen zwei Milliarden Umsatz.

Die zuversichtliche Stimmung der cash-Leserinnen und -Leser mag sich aber auch daraus ableiten, dass keine Explosion bei der Arbeitslosigkeit im Raum steht. Das Seco erwartet für das laufende Jahr 3,3 und für das nächste Jahr mit 3,5 Prozent Arbeitslosenquote. Die Unternehmen wollen aber auch mit Effizienzsteigerung und Investitionen gegen die Währungeffekte ankämpfen, wie ABB-Chef Ulrich Spiesshofer vor kurzem sagte. Eine der besonders unverblümten Stimmen aus der Industrie, Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher, sagte schon in Februar zu cash, dass sie optimistisch sei und auf die Innovationsfähigkeit der Industrie setze.

Warum dann die Angst?

Aber weswegen kam es in der ersten Jahreshälfte zur Rezessionsangst? Martin Eichler, Chefökonom des Forschungsinstituts Bakbasel, erklärt dies mit der Totalüberraschung vom 15. Januar: "Ein Kurs-Schock von 15 Prozent ist ein enormes Ereignis mit massiven Auswirkungen für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen." Aus heutiger Sicht relativiere sich das Ganze etwas: "Die konjunkturelle Ausgangslage im Januar war allerdings relativ gut, weltwirtschaftlich wie auch von der Binnenkonjunktur her. Wäre das Umfeld damals schlechter gewesen, wäre ein Rezession unvermeidlich gewesen."

Bakbasel rechnet damit, dass auch das zweite Quartal noch einen leichten Rückgang von 0,1 oder 0,2 Prozent zeigen wird: "Die Indikatoren Aussenhandel, Detailhandel und Tourismus sind eher schwach und deuten daraufhin", sagt Ökonom Eichler. Damit wäre die Schweiz technisch in einer Rezession, wobei der Effekt relativ schwach wäre. Für das Gesamtjahr rechnet Bakbasel mit rund einem halben Prozent Wachstum.

Etwa in diesem Bereich liegen auch andere Auguren: Diesen Monat veranschlagte die UBS das BIP-Wachstum für 2015 auf 0,5 Prozent, die Juni-Prognose des Seco spricht von 0,8 Prozent, die Kof erwartet 0,4 Prozent, während der Wirtschaftsverband economiesuisse im März 0,6 Prozent prognostiziert hatte. Eine allmähliche Schwächung des Frankens und eine gleichzeitige Gewöhnung der Industrie an die neue Wechselkursrealität würde das Wachstum wieder stärken. Auch die Erholung der Eurozone spielt eine Rolle. Über die Dauer der Wirtschafts-Verlangsamung kann aber nur spekuliert werden.