Robo Advisor - True-Wealth-Gründer: «Ich rate weiter zu viel Aktien im Portfolio»

Der Schweizer Robo Advisor True Wealth hat vor fünf Jahren als Start-up begonnen. CEO Felix Niederer spricht im Interview über weitere Pläne, bevorzugte Portfoliostrategien und erklärt, warum Kunden auf ETF setzen.
30.10.2018 07:37
Interview: Marc Forster
Felix Niederer gehörte 2013 zu den Gründern des Robo Advisors True Wealth.
Bild: cash

cash.ch: Die Natur von Robo Advisory ist, dass langfristig angelegt wird. Beunruhigen Sie als Leiter eines Vermögensverwaltungsunternehmens die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten überhaupt?

Felix Niederer: Ganz gefeit ist niemand. Die Reaktion auf Marktkorrekturen ist auch aus meiner Sicht der grösste Performancetreiber. Und nicht die Zuteilung von Vermögen in Anlageklassen oder die Kosten.

Bei True Wealth können die Kunden von sich aus in Anlageprozesse eingreifen: Werden Portfoliozusammensetzungen häufig geändert?

Nach der Bestimmung der persönlichen Risikoneigung und -fähigkeit, die automatisiert abläuft, erhalten unsere Kunden einen Portfoliovorschlag. Dahinter stehen natürlich unsere Überlegungen, wie angelegt werden soll. In der Fachsprache spricht man von der strategischen Assetallokation. True Wealth erlaubt es Kunden in der Tat, den Anlagemix anzupassen. Leicht mehr als die Hälfte der Kunden nutzt dies. Wir raten aber davon ab, dies jeden Tag zu tun.

Das heisst, jetzt verkaufen oder Portfolios umzuschichten wäre falsch?

Kommt eine Marktkorrektur oder ein Crash, wird man nervös und fängt beispielsweise an, von Aktien zu Obligationen zu wechseln oder Geld abzuziehen. Aber dann nimmt man nicht teil an der Markterholung. Bis jetzt hatte jede Krise wieder eine Erholung.

Was, wenn jemand ein Portfolio mit möglichst viel Aktienanteil gewählt hat?

Ich rate zu möglichst viel Risiko im Portfolio, also Aktien. Bei den tiefen oder gar negativen Zinsen, wie wir sie im Moment haben, halte ich dies für richtig. Aber natürlich nur so viel Risiko, dass man in einer starken Krise keine Probleme bekommt. Vermögensverwaltung soll hier helfen. Das Wesen der Vermögensverwaltung ist ja, dass ich kontrolliert Risiko eingehe und Wertschwankungen in Kauf nehme und dafür eine Risikoprämie in Form einer Rendite erhalten will. Dies bedeutet auch, dass man in der Krise nicht gleich aussteigt.

Im True-Wealth-Direktkundengeschäft wird in ETF und nur in ETF investiert. Das sind Fonds, die Indices abbilden, sei es bei Aktien, Obligationen, Rohstoffen oder Immobilien. In wie viele verschiedene Fonds ist ein Kunde im Durchschnitt dann investiert?

In unseren Anlagestrategien sind etwa 60 verschiedene ETF enthalten. Typischerweise ist ein Portfolio in etwa 10 ETF investiert, bei höheren Anlagesummen tendenziell mehr.

Wenn die Märkte fallen, wie es für die nächsten Monate bei Aktien nun mehr und mehr befürchtet wird, sind dann reine ETF-Anlagen nicht ein Nachteil?

Nein, im Gegenteil. Die Alternative wäre, in Einzeltitel oder aktiv gemanagte Fonds zu investieren. Ich bin aber skeptisch, ob man als Vermögensverwalter genau jene aktiv gemanagten Fonds auswählen kann, die dann den Markt schlagen. Man kann statistisch belegen, dass aktive Fonds, die in der Vergangenheit gut liefen, in Zukunft nicht erfolgreicher sind als andere. Der Blick in den Rückspiegel funktioniert leider nicht. 

Das heisst, Sie und Ihre Kunden fühlen sich mit ETF wohl?

Ja. Ich glaube, unsere Kunden wollen gar nicht so viel Zeit mit Anlageentscheiden verbringen. Wer aktiv in Einzeltitel anlegt, muss sich intensiv mit Bilanzen, Erfolgsrechnungen und so weiter beschäftigen. Und: Er muss besser und vor allem schneller sein als alle anderen. Und das ist sehr schwierig.

Aber könnte man Robo Advisory auch aktiver betreiben?

Technisch gesehen sind wir überhaupt nicht mit ETF verheiratet. Man könnte auch Einzeltitel oder aktive Fonds einsetzen. Dann wären natürlich die Gebühren höher.

Wer sind die Kundinnen und Kunden, die bereit sind, in Sachen Geld einer «Maschine» zu vertrauen?

Hinter jeder Maschine, hinter jedem Algorithmus stehen auch Menschen. Wir schaffen aber auch Vertrauen durch die Plattform, wenn sich diese intuitiv und transparent gestaltet. Im Vergleich zu klassischen Vermögensverwaltern, bei denen das Durchschnittsalter der Kunden um die 65 Jahre ist, haben wir schon tendenziell jüngere Kunden. Aber es investieren durchaus auch ältere Leute bei uns.

Gibt es Gemeinsamkeiten, was der berufliche oder gesellschaftliche Hintergrund der Kundschaft von True Wealth betrifft?

Wir haben Kunden aus allen gesellschaftlichen Schichten. Ein Schwergewicht bilden aber sicherlich Leute aus der Beraterbranche, aus der Informatik oder der Finanzindustrie. Bankmitarbeiter sagen uns immer wieder, dass sie gerne in ETF investieren. Sie kommen natürlich aus einer Branche, wo sie diese Produkte auch kennen und verstehen.

Wie gross sind die Summen, die bei Ihnen angelegt werden?

Die durchschnittliche Portfoliogrösse liegt bei uns bei etwa 55‘000 Franken, steigt aber an. Das liegt daran, dass Kunden netto einzahlen. Viele der Kunden haben einen Dauerauftrag. Das Anlegen des Geldes passiert dann ja automatisch.

True Wealth war 2013 gegründet worden und ging 2014 an den Start. Damals hatten Sie hohe Wachstumsziele, verbunden mit der Aussage, schnell eine Milliarde Franken Vermögen verwalten zu wollen. Nun sind es aber deutlich weniger. Was ist passiert?

Ich wurde damals nach einem Ziel gefragt, und Ziele muss man sich in einem Unternehmen setzen. Kunden kommen aber nicht von heute auf morgen, der Aufbau ist ein evolutionärer und kein revolutionärer Prozess. Der Aufbau einer Beziehung zwischen Kunde und Vermögensverwalter ist relativ aufwändig, weil wir starke regulatorische Auflagen haben. Dennoch sind wir jedes Jahr stark gewachsen. Im vergangenen Jahr haben wir unsere verwalteten Vermögen verdoppelt.

Wie hoch sind die verwalteten Vermögen bei True Wealth?

Ende 2017 waren es gut 100 Millionen Franken. Wir sind auch dieses Jahr zweistellig gewachsen. Und damit meine ich das Direktkundengeschäft von True Wealth, denn wir haben ja zwei Geschäftszweige: Das Direktkundengeschäft, also Robo Advice, sowie das Firmenkundengeschäft, wo wir unsere Technologie anderen Finanzdienstleistern anbieten.

Welche Kunden haben Sie dort im Firmengeschäft?

Wir haben bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), die auch als Minderheitsaktionärin bei uns beteiligt ist, in der Form von deren Robo Advisor Digifolio schon eine Installation live. Für uns ist es wichtig, beim Vertrieb der Software einen Referenzkunden zu haben. Wir sind nun aber bereits bei anderen Banken in Projekten engagiert. Das kommt auch unseren eigenen Kunden zugute: Die Entwicklung einer guten Anlageplattform ist natürlich aufwendig, und wir entwickeln sie stetig weiter. Indem wir die Technologie auch anderen anbieten, nutzen wir Skaleneffekte.

Wird True Wealth, doch immer noch ein Start-up, bereits profitabel betrieben?

Im Gesamtgeschäft sind wir nahe an der Profitabilität.

Was sind die Wachstumspläne?

Das Direktkundengeschäft wächst sehr gut. Die eine Milliarde verwalteter Vermögen, die einmal in der Zeitung standen, werden wir früher oder später erreichen. Im Firmenkundengeschäft sind wir international ausgerichtet, und da sind wir an neuen Projekten dran, mit Potential für starkes Wachstum.

Erwarten Sie den Markteintritt weiterer Anbieter?

Ich glaube schon, dass weitere Marktteilnehmer dazukommen. Das können Start-ups aus der Schweiz sein oder Player aus dem Ausland. Konkurrenz ist gut für uns, und das Bewusstsein bei Banken und Versicherungen für die Digitalisierung steigt. Der Zeitpunkt, wo man die Entwicklungen noch zu ignorieren glauben konnte, ist überschritten.

Warum ist dieser Markt in der Schweiz immer noch relativ klein? Und warum gibt es im Ausland Robo Advisors, die bereits Milliardenvermögen verwalten?

Da müssen wir den Markt vergleichen. Ein Robo Advisor in einem europäischen Land hat den ganzen EU-Markt, ein amerikanischer Anbieter den US-Markt als Heimmarkt. Im Verhältnis stehen wir gut da.

Wie wird sich der Markt noch entwickeln?

Auf jeden Fall, er wird weiter stark wachsen.

Ein wichtiger Aspekt von Robo Advice ist der Preis – Kosten sind tief. Wie sehr wird die Gebührenfrage die Vermögensverwaltung generell in den nächsten Jahren beeinflussen?

Der Faktor wird noch wichtiger werden: Die Digitalisierung schafft mehr Transparenz, und die jüngere Generation ist preisbewusster als die ältere Generation. Informierte Anleger wissen, dass die Kosten einer höheren Rendite entgegenstehen. Und eine Stellschraube, wie ich die Rendite verbessern kann, ist der Preis. Auch Wealth-Management-Kunden mit sechsstelligen oder tiefen siebenstelligen Anlagesummen werden auf digitalen Plattformen beraten werden.

Also ist der Preis das wesentliche Argument für digitale Vermögensverwaltung?

Nun, Leute gehen nicht nur wegen der Gebühren mehr zu digitalen Lösungen. Ich schätze, etwa ein Drittel der Bevölkerung steht den traditionellen Anlageangeboten der Banken skeptisch gegenüber und fürchtet, dort über den Tisch gezogen zu werden.

Werden Robo Advisors in der Vorsorge oder bei Pensionskassen eine Rolle spielen?

Wir sehen vor allem bei kleineren institutionellen Kunden ein Bedürfnis. Das Geschäft mit Pensionskassen haben wir auf dem Radar. Regulatorisch ist es allerdings vom Privatkundengeschäft getrennt und erfordert andere Konzessionen und Prozesse.

Der Robo Advisor True Wealth wurde 2013 von Felix Niederer und digitec-Mitgründer Oliver Herren und gegründet und bietet online Vermögensverwaltung mit ETF an. 2016 beteiligte sich die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) mit einem Minderheitsanteil. Seit kurzem werden die Anlagestrategien auch auschliesslich  mit nachhaltigen ETF angeboten. Für Anlagen mit dem Fokus auf Umwelt, Soziales und Firmenverhalten habe bei den Kunden eine grosse Nachfrage bestanden, sagte Felix Nieder im Gespräch mich cash.ch.

Im cash-Video-Interview äussert sich Niederer, von Hause aus Physiker, zu den Parallelen von Naturwissenschaften und Anlagegeschäft. Er sagt zudem, wie er persönlich investiert ist.