Rohstoffe - Die grosse Diamanten-Schwemme: Produzenten sitzen auf Milliarden

Edelsteine, so weit das Auge reicht: In den Lagern sammeln sich Diamanten an. Der Markt hat durch die Coronaviruskrise einen schweren Schlag bekommen. Ausgang ungewiss.
13.06.2020 12:30
Diamanten der südafrikanischen Firma De Beers, in Hongkong zum Verkauf angeboten.
Diamanten der südafrikanischen Firma De Beers, in Hongkong zum Verkauf angeboten.
Bild: Bloomberg

In einem der grössten Diamantentresore der Welt, versteckt in einem unscheinbaren Bürokomplex am staubigen Rand der Hauptstadt Botswanas, türmen sich die Edelsteine immer weiter auf.

Besitzer De Beers, der die meisten seiner Preziosen in dem südafrikanischen Land schürft und versteigert, hat seit Februar kaum Rohdiamanten verkauft. Ähnlich ergeht es auch dem russischen Rivalen Alrosa PJSC. Nachdem die Coronavirus-Beschränkungen, die die globale Industrie über Monate zum Stillstand gebracht hatten, allmählich nachlassen, verursachen die nicht verkauften Diamanten ein Dilemma: Wie können Bestände im Wert von Milliarden von Dollar reduziert werden, ohne die sich abzeichnende Erholung zu gefährden?

Die Pandemie hat in der Diamantenwelt heftig gewütet. Juweliergeschäfte schlossen ihre Türen, Indiens Schleif- und Polierhandwerker waren gezwungen, zu Hause zu bleiben, und De Beers musste seinen März-Verkauf absagen, da die Käufer nicht anreisen konnten, um sich die Ware anzusehen.

Diamanten-Berge wachsen

De Beers und Alrosa haben Massnahmen ergriffen, um ihren Markt zu verteidigen. Die Produzenten weigerten sich, die Preise zu senken, erlaubten den Käufern jedoch beispiellose Freiheiten, von Verträgen zum Kauf von Steinen zurückzutreten. Sie haben auch die Produktion reduziert, um die Lagerbestände zu kontrollieren. Doch die Diamanten-Berge wachsen immer weiter.

Die fünf grössten Produzenten sitzen wahrscheinlich auf überschüssigen Lagerbeständen im Wert von rund 3,5 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro), wie aus Daten von Gemdax hervorgeht, einer spezialisierten Beratungsfirma. Bis Ende des Jahres könnten es 4,5 Milliarden Dollar sein, was etwa einem Drittel der jährlichen Rohdiamantproduktion entspricht.

"Es wurde versucht, das Angebot an Rohdiamanten einzuschränken, um den Markt und den Wert zu schützen", sagte Gemdax-Partner Anish Aggarwal. "Die Frage ist, wie der Lagerabbau erfolgen soll. Können die Produzenten die Lager abbauen und gleichzeitig den Markt schützen?"

Magerer Umsatz bei De-Beers-Verkäufen

Nachdem De Beers gezwungen war, die Veranstaltung im März abzusagen, gelang es dem Unternehmen im Mai, einen Verkauf abzuhalten. Aber die Ergebnisse wurden nicht wie gewohnt bekannt gegeben. Nach Angaben von Personen, die mit der Situation vertraut sind, brachte der Verkauf etwa 35 Millionen Dollar ein. Im vergangenen Jahr waren es 416 Millionen Dollar.

Der nächste grosse Test für die Branche kommt später in diesem Monat mit dem nächsten Verkauf von De Beers. Das Unternehmen ist sehr bemüht, Kunden anzulocken, indem es auch Diamantbesichtigungen ausserhalb von Botswana zulässt. Käufer können weiterhin Waren ablehnen, für deren Kauf sie einen Vertrag abgeschlossen haben.

Preise gesenkt

Die Kunden von De Beers, von denen einige in den letzten Jahren mit so manchen Verkaufsmethoden des Unternehmens zutiefst unzufrieden waren, haben die bisherigen Massnahmen begrüsst.

Während De Beers und Alrosa an der Preisgestaltung festhielten - und sogar Annäherungsversuche von Kunden zurückwiesen, die zu Sonderkonditionen kaufen wollten -, haben kleinere Diamantenproduzenten ihre eigenen Preise gesenkt, so die mit der Angelegenheit vertrauten Personen.

Diese kleineren Anbieter, von denen einige bereits vor der Pandemie ums Überleben kämpften, hätten in Handelszentren wie Antwerpen kräftige Rabatte von bis zu 25 Prozent angeboten, hiess es. Das könnte es für die grossen Unternehmen schwierig machen, Käufer anzulocken.

Kein schneller Anstieg der Nachfrage

Die Diamantenproduzenten sehen sich "einer Kombination aus schwachen Preisen und einem starken Rückgang der Verkaufsmengen in einer Grössenordnung gegenüber, die an die Krise 2008/09 erinnert", sagte der Analyst Sergey Donskoy von SocGen diese Woche.

Alrosa sagte am Freitag, dass seine Diamantenbestände bis Ende des Jahres auf 30 Millionen Karat steigen könnten, was in etwa der jährlichen Produktion entspricht. Einen genaueren Wert gab das Unternehmen jedoch nicht an. Innerhalb von drei Jahren sollen diese Lagerbestände auf 15 Millionen Karat reduziert werden.

"Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwierig, darüber zu spekulieren, wie die Erholungskurve aussehen wird", sagte Aggarwal. "Was wir nicht erwarten, ist ein sofortiger Wiederanstieg der Verbrauchernachfrage."

(Bloomberg/cash)