In drei aufeinanderfolgenden Monaten hat sich das Wachstum der Konsumentenpreise stärker abgeschwächt als von Ökonomen vorhergesagt. Die am Donnerstag veröffentlichte Inflationsrate von 2,4 Prozent für November war näher am Ziel der EZB als jemals zuvor seit Mitte 2021. Noch im August war die Inflation mehr als doppelt so hoch.
Händler, die an den Geldmärkten bereits zuvor auf eine Senkung der Zinsen im April gewettet hatten, sind sich nun noch sicherer, auch wenn die Falken unter den Notenbankern weiter dagegenhalten. Die Mahnung von Ratsmitglied Pierre Wunsch aus der letzten Woche, dass eine Zinserhöhung notwendig sein könnte, wenn die Senkungswetten nicht aufhörten, prallte an ihnen ab. Die Inflation kommt dem 2-Prozent-Ziel der EZB verlockend nahe, und die jüngsten Zahlen lassen es immer wahrscheinlicher werden, dass der EZB-Stab seine Prognosen senken muss.
Diese gingen davon aus, dass das Preiswachstum erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 das Ziel erreicht. Die Projektionen werden in knapp zwei Wochen veröffentlicht, wenn die EZB voraussichtlich zum zweiten Mal in Folge ihre Leitzinsen beibehalten wird und Präsidentin Christine Lagarde wegen ihres Beharrens auf hohen Zinsen bei schwächelnder Wirtschaft zunehmend in die Kritik geraten dürfte.
"Wenn die EZB Anfang nächsten Jahres erkennt, dass die Inflation deutlich schneller sinkt als erwartet, wird die Diskussion über Zinssenkungen zunehmen”, sagte Jörg Angele, Ökonom bei Bantleon in Zürich, der zu denjenigen gehörte, die den Inflationsrückgang vom November am genauesten vorhersagten. “Das wäre vernünftig, denn wenn die Wirtschaftstätigkeit schwach bleibt, sehe ich keinen Grund, die Zinsen nicht auf ein neutrales Niveau zu senken.”
Jüngste Inflationsdaten dürften die taubenhaften Ratsmitglieder ermutigen
Die jüngsten Inflationsdaten dürften Angele zufolge die taubenhaften Ratsmitglieder ermutigen. In den letzten 18 Monaten fanden die sich beständig in der Defensive, während die Falken den Ton angaben und eine aggressive Serie von zehn aufeinanderfolgenden Zinserhöhungen durchsetzten.
Einer von ihnen, der neu ernannte Gouverneur der Bank von Italien, Fabio Panetta, liess nicht lang auf sich warten. Angesichts einer Inflationsrate von nur noch 0,7 Prozent in seinem Land, wies er darauf hin, dass sich die Straffungen als wirksamer erweisen als erwartet. “Die Desinflation ist in vollem Gange”, sagte er am Donnerstag. “Wir müssen unnötige Schäden für die Konjunktur und Risiken für die Finanzstabilität vermeiden, die letztlich die Preisstabilität gefährden würden.”
Trotz des veränderten Inflationsausblicks könnte die Ratssitzung am 14. Dezember für die oft etwas schwerfällige EZB etwas zu früh kommen. Als die Währungshüter im Juli 2022 mit der Anhebung der Zinsen starteten, hatten die meisten anderen Zentralbanken weltweit bereits damit begonnen.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel ist unbeeindruckt
Aber die Vertreter der EZB haben auch Grund zur Vorsicht. Sie gehen davon aus, dass die Inflation im Dezember aufgrund von statistischen Effekten wieder anziehen wird. Auch die Aufhebung einiger der Hilfsmassnahmen, die die Regierungen zur Abfederung des Energiepreisanstiegs nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs eingeführt haben, wird einem weiteren raschen Rückgang im Wege stehen.
“Wir wissen, dass der November der Tiefpunkt ist”, sagte Janet Henry, Chefökonomin der HSBC, gegenüber Bloomberg TV. “Die Gesamtinflation wird wahrscheinlich — allein schon wegen der Basiseffekte — wieder ansteigen. Die Kerninflation, auf die sich die Notenbanker vor allem konzentrieren, liegt mit 3,6 Prozent ebenfalls noch über der Gesamtinflation.
Diese Faktoren könnten den Falken genügend Rückendeckung geben, um an der Botschaft festzuhalten, dass die Zinsen die Wirtschaft länger bremsen müssen, um die Inflation zu bekämpfen. Auch nach den am Donnerstag gemeldeten Inflationszahlen zeigte sich Bundesbankpräsident Joachim Nagel unbeeindruckt.
“Die Inflationsrisiken sind meines Erachtens aufwärtsgerichtet – nicht zuletzt aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage”, sagte Nagel Donnerstagabend beim Jahresempfang des Verbands deutscher Pfandbriefbanken in Berlin. “Deshalb schliesse ich eine weitere Zinserhöhung nicht aus. Es erscheint mir zugleich deutlich zu früh, über eine mögliche Senkung der Leitzinsen überhaupt auch nur nachzudenken.”
(Bloomberg)
