cash.ch: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen erhöht, die Nationalbank dürfte am Donnerstag stillhalten. Sitzen die Falken nun in Frankfurt und nicht mehr am Zürcher Bürkliplatz?
Karsten Junius: Die EZB hat tatsächlich aus ihren Fehlern aus dem Jahr 2022 gelernt. Sie hat dieses Mal ganz klar signalisiert, dass sie den Energiepreischock ernst nimmt und aus dem Ruder laufende Inflationserwartungen verhindern möchte. Die EZB signalisiert uns weiter, dass sie die Zinsen nicht nur am vergangenen Donnerstag, sondern vermutlich auch dann noch einmal im Herbst erhöhen möchte.
Ist das Stillhalten der SNB richtig?
Ich bin davon überzeugt, dass wir in der Schweiz keine Zinserhöhungen benötigen, weil die Inflation hierzulande im Vergleich zur Eurozone deutlich tiefer ist. Auch manifestieren sich die Zweitrundeneffekte über den Arbeitsmarkt normalerweise nicht so deutlich wie in der Währungsunion.
Das Lohnwachstum beträgt in der Schweiz rund 1,0 bis 1,5 Prozent.
Damit werden noch keine grossen inflationären Prozesse generiert. Das Lohnwachstum ist sogar tendenziell eher zu niedrig. Es besteht jedenfalls überhaupt keine Gefahr, dass wir Inflationsraten bekommen sollten, die über zwei Prozent liegen. Das war 2022 noch anders. Insofern fühle ich mich sehr wohl mit dem Nullzinsniveau.
Die kurzfristigen Zinsen sind bei null, der zehnjährige Swap-Satz steht bei 0,58 Prozent. Warum ist die Zinskurve so steil?
In vielen Ländern werden wir wieder flachere Zinsstrukturkurven bekommen, weil die Zentralbanken wie die EZB die Leitzinsen anheben. In der Schweiz sehe ich die Verflachung nicht. Ich glaube, dass das kurze Ende gut verankert bleibt. Am langen Ende kann die starke Kapitalnachfrage, die wir weltweit aufgrund des Ausbaus der KI-Infrastruktur und höherer Verteidigungsausgaben haben, durchaus die langlaufenden Zinsen erhöht halten. Insofern kann ich die 'Versteilerung' in der Schweiz nachvollziehen.
Vor einem Monat war der Euro noch bei 90 Rappen oder knapp darunter. Jetzt sind wir bei 92 Rappen. Gibt es ein Revival des Euros?
Die 90 Rappen waren der Nationalbank zu extrem. Um dieses Niveau herum dürfte die SNB auch am Devisenmarkt interveniert haben. Inzwischen haben wir die Perspektive, dass sich die Zinsdifferenz zum Euro noch weiter ausweitet. Das spricht aktuell, bei den Nullzinsen respektive Niedrigzinsen, nicht wirklich für den Franken. Wenn wir noch mehr Leitzinserhöhungen im Euro erhalten, sollte der Franken zum Euro eher auf dem Niveau von 0,92 anstelle der 0,90 Franken stehen.
Hat die schwache Wirtschaft in der Eurozone keinen negativen Einfluss auf die Einheitswährung?
Das Wachstumsumfeld in der Schweiz wird nachhaltig besser bleiben als in Europa. Wir haben einfach zu viele strukturelle Probleme in Europa, die nicht wirklich gelöst werden. Insofern teile ich den Pessimismus.
Die Schweizer Wirtschaft ist andererseits stark von der Eurozone abhängig.
Es wäre natürlich besser, wenn die Schweiz von stark wachsenden Ländern umgeben wäre. Wir sehen das an der Industrieproduktion, die ausserhalb von Chemie und Pharma auch in der Schweiz in den vergangenen Jahren eher stagniert hat. Und trotzdem bin ich immer wieder positiv überrascht über die Schweizer Anpassungsfähigkeit. Wir haben im ersten Quartal gesehen, dass trotz des starken Wechselkurses das verarbeitende Gewerbe sehr stark expandierte. Das ist sicherlich nicht nur auf die Nachfrage aus der Schweiz zurückzuführen. Das verarbeitende Gewerbe ist stark exportiert und hat offensichtlich wieder vereinzelt Nischen gefunden, wo die Unternehmen mit ihrer Expertise und spezialisierten Produkten gut punkten konnten.
Das spräche für mehr Globalisierung?
Europa ist nach wie vor zentral, aber alle anderen Regionen werden immer wichtiger. Das geht nicht von heute auf morgen, weil es im Vergleich einfacher ist, nach Italien, Frankreich und Deutschland zu exportieren, als nach China und Korea. Wir haben keine Häfen, das ist schwieriger. Insofern ist die Schweiz auf diesen Wertschöpfungsverbund mit den grossen europäischen Partnern angewiesen. Der funktioniert, aber könnte natürlich noch viel besser laufen, wenn wir von starken Partnern umgeben wären.
Karsten Junius ist Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin. Gleichzeitig leitet er dort das Economic Research. Junius war vorher beim Internationalen Währungsfonds als Principal Economist tätig. In vorgängigen Positionen arbeitete er als Leiter Kapitalmarkt und Immobilien Research bei Deka Bank und als Ökonom bei Metzler Asset Management. Davor war er Ökonom am Institut für Weltwirtschaft der Universität Kiel. Junius ist CFA Charterholder und doktorierte in Volkswirtschaft an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

