Scheiden tut dem Aktienkurs nicht weh

Schweizer Firmen konzentrieren sich zunehmend auf das Kerngeschäft: Sie spalten sich auf oder verkaufen Unternehmensteile. Dies eröffnet Kurschancen für Anleger. Die möglichen Kandidaten.
18.08.2014 01:01
Von Frédéric Papp
Ascom gilt als möglicher «Aufspaltungskandidat».

Die Organisationsstruktur ist bei vielen Unternehmen im Wandel. Aktuellstes Beispiel: Galenica. Das Berner Pharmaunternehmen will sich in zwei unabhängige börsenkotierte Unternehmen aufspalten. Das eine umfasst das Pharmageschäft, das andere den Medikamentenhandel und die Netzwerke. Obwohl die Aufspaltung laut Konzernleitung erst in drei bis fünf Jahren erfolgt, erntete deren Ankündigung an der Börse viel Applaus – die Aktie kletterte seit der Ankündigung am 12. August um 6 Prozent.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich auch EFG International verschlankt, indem die Derivatesparte – die heutige Leonteq – separat an die Schweizer Börse Six gebracht wurde. Auch die Teilung des Rieter-Konzerns vor gut drei Jahren in den gleichnamigen Textilmaschinenkonzern und dem Automotive-Bereich Autoneum trug ähnliche Züge. Das vorläufige Fazit nach drei Jahren lässt sich sehen: Der Aktienkurs von Autoneum hat sich seit dem Alleingang vervierfacht, jener von Rieter kletterte immerhin 50 Prozent.

Hintergrund der Entwicklungen: Unternehmensteile werden abgespalten, wenn wenig bis kein Synergiepotenzial mit anderen Firmenteilen besteht oder wenn sich Sparten gegenseitig blockieren. Teilweise werden auch profitable Geschäftssparten aus einer Konzernstruktur herausgelöst und als eigenständige Unternehmung an der Börse kotiert.

Die Überprüfung der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens ist das tägliche Brot der Geschäftsleitung und vor allem des Verwaltungsrates. Die Ausgangslage dafür ist angesichts des tiefen Zinsniveaus günstiger denn je. So können sich akquisitionsfreudige Unternehmen kostengünstig Übernahmekapital beschaffen.

Im Schweizer Aktienmarkt gibt es weitere Unternehmen, welche solche Veränderungen der Konzernstruktur vornehmen könnten, das heisst: Die Firma teilen, Firmenteile verkaufen oder an die Börse bringen.

Kuoni: Im Markt hört man immer wieder, dass der Reisekonzern das hochprofitable Visa-Geschäft als Tochter-Gesellschaft separat an die Börse bringen könnte. Ein separates Listing des Visa-Geschäfts würde eine höhere Bewertung der Aktie nach sich ziehen, und dies wiederum wäre positiv für die Kuoni-Aktie. "Ein solcher Coup mag mittelfristig denkbar sein, ist aber auf kurze Sicht eher unwahrscheinlich", sagt Analyst Jan Widmer von der St. Galler Kantonalbank. Die Aktie hat in den letzten Tagen an Momentum gewonnen, doch das Minus seit Jahresbeginn beträgt satte 23 Prozent.

Ascom: Der Technologiekonzern gliedert sich in zwei Bereiche, dem Network-Testing und der Wireless-Solution, die "praktisch keine Synergien aufweisen", sagt der Zuger Vermögensverwalter Marc Possa, der den Nebenwertefonds Sara Select managt. Network-Testing wäre in anderen Händen somit besser aufgehoben und könnte mittels Akquisitionen gestärkt beziehungsweise organisch in vielen Märkten wachsen. Diese Sparte konnte lange nicht verkauft werden. Nach dem gelungenen Turnaround letztes Jahr - dank grossen Kostenreduktionen - sollte dies aber kein wesentliches Hindernis mehr sein, wie Possa sagt. Zusammen erwirtschaften die beiden Sparten etwa 500 Millionen Franken Umsatz. Der Aktienkurs von Ascom ist in den letzten drei Monaten um 19 Prozent eingebrochen.

Comet: Das Geschäft von Comet ist dreigeteilt: Während die beiden Sparten X-Ray Systems (zerstörungsfreie Materialprüfung) und Plasma Control (Halbleitertechnologie) gut positioniert sind, steuert das Segment Ebeam-Technologie (Röntgenquellen und umweltfreundliche Sterilisierung) noch am wenigsten zum Konzern bei. Das Unternehmen erhofft sich aber von der Ebeam-Technologie viel Wachstumspotenzial. Gerade deshalb, wären Investoren sicherlich bereit, das Mehrfache des Jahresgewinns zu bezahlen, was der Comet-Aktie weiter anschieben würde. Die Aktie hat sich seit Jahresanfang um gut 31 Prozent verteuert.

Conzzeta: Das Zürcher Unternehmen ist im wahrsten Sinne ein "Gemischtwarenladen". Das Konglomerat gliedert sich auch nach bereits erfolgten Devestitionen in fünf Bereiche: So stellt Conzzeta Systeme für Blechbearbeitung, Flachglas und Matratzen her. Weiter gehört der Sportausrüster Mammut dazu, der Konzern führt zudem noch eine eigene Immobiliensparte. Gerade die letzten beiden Sparten gehen im Konzern etwas unter – ein separater Gang an die Börse könnte dies schlagartig ändern. Für die Immobiliensparte wurde bereits ein IPO für 2015 ins Auge gefasst. Die effektive Wertsteigerung dürfte bei Conzzeta denn auch in einer weiteren Fokussierung des Konzerns liegen. Branchenkenner gehen von einem Aktienpreis von gegen 5000 Franken aus. Derzeit notiert die Aktie bei gut 3400 Franken.

Aryzta: Im Markt hält sich hartnäckig das Gerücht, der Backwarenhersteller Aryzta könnte sein zweites Standbein, die an der irischen Börse kotierte Agrartochter Origien Enterprises, verkaufen. Die Beteiligung beträgt etwa 70 Prozent.

AFG: Beim Bauausrüster kommt wohl kein separates Listing einer Firmensparte in Frage, sondern vielmehr deren Veräusserung. Aufgrund des Margendrucks, hat der Konzern Anfang 2014 eine strategische Neuausrichtung mit Fokus auf Gebäudetechnik, Gebäudehülle und Gebäudesicherheit beschlossen. Hier hat der neue CEO William Christensen (per 1. November im Amt) noch viel Arbeit vor sich. So muss er zum Beispiel die Devestition der wertvernichtenden Oberflächentechnologie-Sparte STI abwickeln.

Neben den erwähnten Unternehmen befinden sich auch Komax, Novartis, Logitech, Bucher oder Clariant in einer Transformationsphase. Hier könnten ebenfalls Überraschungen lauern.