Zuerst mussten die KI-Wunderkinder eine Niederlage einstecken. Dann folgten die makroökonomischen Schocks. Daraufhin kam es zu Kreditkrisen. Bald war für Hedgefonds nirgendwo mehr ein sicherer Hafen zu finden. Im Oktober breitete sich die Krise wie eine Lawine in der gesamten Branche aus, als ein breiter Ausverkauf im Technologiesektor mit einer überraschenden Wahl in Brasilien und gewalttätigen Protesten in Frankreich zusammenfiel und vielen der weltweit versiertesten Vermögensverwalter schwere Verluste bescherte.
Walleye Capital zahlt nach seiner schlechtesten Monatsperformance seit März 2020 einen Teil des Kapitals zurück. Greg Coffeys Makro-Fonds Kirkoswald Asset Management verzeichnete seinen schlimmsten monatlichen Rückgang aller Zeiten und beendete damit eine 16-monatige Gewinnserie. Und der Kreditfonds Arini Capital Management, einer der am schnellsten wachsenden Hedgefonds Europas, verlor allein im letzten Monat mehr als 12 Prozent - und steuert damit auf seinen ersten Jahresverlust seit Auflegung zu.
Für eine Branche, deren Grundprinzip darin besteht, unabhängig von der Marktrichtung Geld zu verdienen, ist das Ausmass der Verluste atemberaubend. Strategien, die eigentlich unabhängig voneinander agieren sollten, verzeichneten plötzlich im Gleichschritt Verluste und legten damit überfüllte Positionen, hohe Hebelwirkung und Schwachstellen offen, die während des langen Aufschwungs der KI-bezogenen Aktien leichter zu übersehen waren.
Dann, am Donnerstag, wurden alle Hoffnungen, dass der Oktober lediglich ein brutaler Monat gewesen sei, im Handumdrehen zunichte gemacht. Die Märkte brachen auf breiter Front ein, wobei ein Ausverkauf bei den Aktien von Chipherstellern den Nasdaq 100 um 6,4 Prozent nach unten zog - sein grösster Rückgang seit März 2020. Der S&P 500 brach um 4,4 Prozent ein.
«Solche Schwankungen - heftige Auf- und Abwärtsbewegungen - sind, als würde man auf einem Parkplatz von drei Schlägern überfallen», sagte Hedgefonds-Coach Denise Shull, bei der am Donnerstag mehrere Kunden aufgrund des Marktchaos ihre Termine absagten. «Dein Instinkt sagt dir, dass du dich wehren musst, und in gewisser Weise musst du das auch - gerade lange genug, um eine Lücke zu finden, durch die du fliehen kannst.»
Selbst die Giganten der Hedgefonds-Branche geraten ins Wanken. ExodusPoint Capital Management verlor im letzten Monat 2,4 Prozent, wodurch sich seine Gewinne in diesem Jahr auf 1,6 Prozent verringerten. Balyasny Asset Management verlor im Oktober 3,4 Prozent, was für das Jahr 2026 einen Verlust von 2,7 Prozent bedeutet. Izzy Englanders Millennium Management gab im vergangenen Monat um 2,3 Prozent nach, wodurch sich der Gewinn seit Jahresbeginn auf 5,7 Proznet verringerte. Das 95-Milliarden-Dollar-Unternehmen zieht als Reaktion auf die Verluste bei den beiden externen Hedgefonds Troluce Capital Advisors und Axebrook Capital mehr als 1,5 Milliarden Dollar an fremdfinanzierten Mitteln aus diesen Fonds ab, wie Bloomberg berichtete.
Die Verluste veranlassten Engineers Gate, den von Greg Eisner geführten quantitativen Hedgefonds, sich diese Woche von einem Grossteil eines Teams zu trennen, das einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verwaltete. Die Gruppe kombinierte systematisches Investieren mit Fundamentalanalyse - doch nach einer 18-monatigen Laufzeit war ihre Performance einfach nicht gut genug, schrieb Eisner in einer Mitteilung an die Kunden.
Eisner legte eine Dynamik offen, die die Welt der Multi-Manager-Hedgefonds zunehmend beunruhigt: Korrelation. Obwohl sie Gruppen von Händlern einsetzen, die eine Vielzahl von Strategien anwenden, stürzen sich die Fonds in Zeiten von Marktstress immer wieder gleichzeitig aus denselben Positionen, was die Verluste noch verschärft. Genau das sind die Momente, in denen Engineers Gate anders positioniert sein möchte, schrieb Eisner.
«Die eigentliche Gefahr ist nicht der Marktabschwung an sich, sondern die Illusion einer Diversifizierung über verschiedene Hedgefonds hinweg», sagte Bruno Schneller, geschäftsführender Gesellschafter beim Multifamily-Office Erlen Capital Management. «Ich vermute, das grössere Risiko liegt noch vor uns: Wenn sich die Verluste häufen, könnten Risikomanager die Fonds dazu zwingen, ihr Engagement zu reduzieren, was unabhängig von den Fundamentaldaten möglicherweise eine weitere Verkaufswelle auslösen könnte.»
Der Druck könnte sich von den am stärksten überlaufenen Trades auf ansonsten gesunde Positionen ausbreiten, da die Fonds eilig Liquidität beschaffen, so Schneller. Selbst relativ namhafte Fonds mit soliden Anlagekonzepten könnten gefährdet sein, da ihre Positionierung und ihr Hebel wenig Handlungsspielraum lassen, fügte er hinzu.
Schon vor dem Chaos im Oktober war es ein turbulentes Jahr gewesen. Fonds, die für ihre stabilen Renditen bekannt sind, verzeichneten im März Verluste, als der Krieg im Nahen Osten die Märkte in den Bereichen Energie, Anleihen und Aktien erschütterte. Im Juli setzte eine Kursrallye bei KI-Aktien ein, die das Wunderkind Leopold Aschenbrenner und seinen Hedgefonds «Situational Awareness» beinahe zu Fall gebracht hätte. Andere auf KI fokussierte Hedgefonds mussten im vergangenen Monat erneut herbe Verluste hinnehmen. Value Aligned Research Advisors, das ein ähnliches Portfolio wie «Situational Awareness» verwaltet, brach um 33 Prozent ein.
Ken Griffins Citadel nutzte die Turbulenzen des Sommers optimal aus und kaufte einen grossen Teil von Aschenbrenners KI-Aktien auf. Dies trug dazu bei, dass Citadels Flaggschiff-Fonds im Juli um 5,9 Prozent zulegte. Auch in jüngster Zeit gehört Citadels Wellington weiterhin zu den wenigen Gewinnern. Der Fonds legte im vergangenen Monat um 1,7 Prozent zu, wodurch sich sein Gewinn seit Jahresbeginn auf 15,3 Proznet erhöhte. Der Composite-Fonds von D.E. Shaw, eine Mischung aus computergestütztem und von Menschen gesteuertem Handel, stieg im Oktober um 0,7 Prozent und verzeichnete im Jahresverlauf einen Zuwachs von 16 Prozent. Ein absoluter Ausreisser war der 8,2 Milliarden Dollar schwere Quantedge-Fonds, der in diesem Zeitraum um 7,2 Prozent zulegte und seinen Jahresgewinn damit auf 60 Prozent steigerte.
Das Gleiche lässt sich von einer Reihe von Stock-Pickers nicht behaupten. Das Aktienportfolio von D1 Capital Partners gab im Oktober um 4,4 Prozent nach, wodurch sich der Gewinn seit Jahresbeginn auf 18,8 Prozent verringerte. Der Flaggschiff-Fonds für börsennotierte und nicht börsennotierte Unternehmen von Whale Rock Capital Management brach um etwa 8 Prozent ein, womit er im Jahresverlauf bei einem Plus von 34 Prozent lag. Weiterlesen:
Für einen Moment sah es diese Woche so aus, als würden sich die Wolken lichten. Der S&P 500 legte am Mittwoch nach dem starken Abschneiden der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen kräftig zu. Doch die Stimmung schlug schnell um, als die Anleger die Möglichkeit verarbeiteten, dass die sich verschlechternde Stimmung rund um die KI den Handel, der den Markt in den letzten drei Jahren getragen hat, auf den Kopf stellen könnte.
Als die Aktien am Donnerstag einbrachen, bombardierten Kunden den Aktienhandelsbereich von Goldman Sachs mit Anfragen, um auch nur den kleinsten Einblick darüber zu erhalten, wie weit der Ausverkauf noch gehen könnte. «Unsere Telefone laufen heiss mit Anfragen nach Informationen», schrieb John Flood, Leiter des Bereichs Aktienhandel für Amerika bei der Bank, in einer Mitteilung an die Kunden. «Leider sehen wir nicht viel.»
(Bloomberg/cash)

