Schweizer Börse - Wenn der CEO die eigene Aktie bremst

Fast jeder zweite CEO eines SMI-Unternehmens hat in seiner Amtszeit weniger Aktionärswert geschaffen als der breite Aktienmarkt, wie eine Auswertung von cash zeigt. Doch es gibt auch sehr positive Beispiele.
16.05.2018 00:03
Von Ivo Ruch
Severin Schwan ist mit Roche auf der Suche nach Wachstum.
Severin Schwan ist mit Roche auf der Suche nach Wachstum.
Bild: ZVG

Am letzten Freitag mussten Roche-Aktionäre einmal mehr eine bittere Pille schlucken. Der Pharmakonzern meldete einen Misserfolg mit dem Dickdarmkrebs-Medikament Tecentriq, worauf der Genussschein an der Börse 1,7 Prozent an Wert verlor. Auch für CEO Severin Schwan war dies ein weiterer Rückschlag im Kampf gegen schwindende Umsätze.

Er müsste eigentlich bei den Investoren dringend punkten, damit seine Roche nicht noch mehr an Börsenwert verliert. Denn seit Jahresbeginn steht Roche 9 Prozent im Minus, nachdem der Titel bereits 2017 unterdurchschnittlich abgeschnitten hatte. Noch schlechter fällt die Bilanz aus, wenn man die Performance mit der Amtsdauer von CEO Schwan vergleicht: Seit Anfang März 2008 ist Roche an der Börse bloss 9 Prozent vorwärts gekommen. Zum Vergleich: Der Swiss Performance Index (SPI) hat in diesen zehn Jahren 76 Prozent zugelegt. Damit hat Severin Schwan das schlechteste Performance-Verhältnis aller CEO der 20 Firmen im Swiss Market Index, wie eine Auswertung von cash ergibt (siehe Tabelle unten).

Die Herausforderungen für die Roche-Führung sind gross. Der Konzern kämpft mit Wachstumsproblemen und auslaufenden Patenten mehrerer umsatzstarker Medikamente. Investoren sind skeptisch, ob diese auch bewältigt werden. Seit dem Allzeithoch im Dezember 2014 befindet sich der Genussschein des Pharmakonzerns mehrheitlich in einem Abwärtstrend.

Der Aktienkurs ist wichtig

Aber ist ein solcher Vergleich zwischen CEO und Börse überhaupt angebracht? "Einen CEO an der Aktienperformance des eigenen Unternehmens zu messen, ist absolut legitim", sagt Stephan Hostettler von HCM International, einem Beratungsunternehmen für Vergütung und Corporate Governance.

Hostettler fügt an, dass die Aktienkursperformance absolut oder relativ zu einem Aktienindex in einem mehrjährigen Vergleich betrachtet werden sollte. Von allen SMI-Chefs sitzen nur Bernhard Hodler (Julius Bär), Jan Jenisch (LafargeHolcim), Vasant Narasimhan (Novartis) und Paul Schuler (Sika) seit weniger als einem Jahr auf ihrem Posten.

Laut Vergütungsexperten sollten Manager auch an den Zielvorgaben betreffend Gewinnentwicklung und Strategieumsetzung gemessen werden. Doch ein Vergleich mit dem Aktienkurs ist auch deshalb zulässsig, weil die Löhne der Firmenchefs ebenfalls zu einem grossen Teil abhängig sind von der Entwicklung des eigenen Börsenwerts. Laut Daten von HCM macht der aktienbasierte Teil rund ein Drittel der CEO-Gesamtlöhne am Schweizer Aktienmarkt aus, am SMI sind es durchschnittlich sogar 45 Prozent.

Löhne koppeln sich ab

Severin Schwan ist nicht nur einer der dienstältesten CEO der Schweiz, er ist auch Top-Verdiener. Die Aktionärsberatung Ethos errechnete für 2017 ein Jahressalär von 15,1 Millionen Franken – damit verdrängte der Österreicher auch UBS-Chef Sergio Ermotti vom Spitzenplatz der SMI-Lohnrangliste.

Auch Ermotti hat in seiner Zeit bei der UBS weniger Aktionärswert geschaffen als der breite Aktienmarkt. In seine Amtsperiode fiel zwar der gross angelegte Umbau der Bank nach der Finanzkrise. Doch noch immer warten die Aktionäre darauf, dass der Titel (aktuell bei 16 Franken) in Regionen von vor der Krise zurückfindet (Allzeithoch im Februar 2007: 75 Franken).

Ähnlich zurückhaltend ist die Börsenstimmung gegenüber Ermottis Konkurrent Tidjane Thiam. Seit er CEO der Credit Suisse ist, hat sich der Marktwert der Bank um einen Drittel verringert. In seiner Amtszeit führte Thiam zwei Kapitalerhöhungen durch, welche dem Aktienkurs meist abträglich sind. Wie man eine Bank zurück ins Investoreninteresse bringt, ist aber in den USA sichtbar, wo die Aktien von JP Morgan oder Goldman Sachs längst wieder auf Rekordstände gestiegen sind.

Besser auf einen SPI-ETF setzen

Die untere Hälfte der CEO-Performancerangliste zeigt auch eine sichtbare Underperformance bei den Firmenkapitänen von ABB, Adecco, Nestlé, Swiss Re und Swisscom. Was unter dem Strich heisst: Fast jeder zweite SMI-CEO hat "seinen" Aktionären weniger Geld eingebracht, als wenn diese - statt auf ein Einzelinvestment zu setzen - ein Indexprodukt auf den breiten SPI gewählt hätten.

Für einen schwachen Aktienkurs muss sich auch Ulrich Spiesshofer immer wieder rechtfertigen. Der ABB-CEO steht unter Druck, weil er nach Jahren der Restrukturierung den Industriekonzern endlich wieder vorwärts bringen soll. Mittlerweile steht die ABB-Aktie 13 Prozent höher als beim Amtsantritt von Spiesshofer im September 2013, allerdings hat sich auch hier der SPI besser entwickelt.

Investoren verlangen mehr. Der aktivistische Grossaktionär Cevian kritisiert schon lange, mit den richtigen Massnahmen hätte die ABB-Aktie ein Potenzial von 35 Franken. Unlängst antwortete Spiesshofer darauf, diese Zielsetzung sei nicht unrealistisch. Vom aktuellen Niveau bei 24 Franken wäre das eine Rendite von 46 Prozent – für ABB-Aktionäre wäre dies ein ganz neues Gefühl.

Die Überflieger

Auf der anderen Seite gibt es auch eine Reihe von CEO, die regelmässig eine solide Mehrrendite erreichen. Dazu gehören neben Johann Rupert (Richemont) auch Christian Buhl (Geberit), Gilles Andrier (Givaudan), Frankie Ng (SGS), Patrick Frost (Swiss Life), Nick Hayek (Swatch) und Mario Greco (Zurich).

Absoluter Überflieger in dieser Hinsicht ist aber Lonza-Chef Richard Ridinger. Unter seiner Führung hat sich der Börsenwert des Pharmazulieferers mehr als versiebenfacht. Ridinger hat mit Lonza nicht nur profitables Wachstum erreicht, er hat den Konzern auch zurück in den SMI gebracht.

Strategisches Gespür bewies der Lonza-CEO zuletzt bei der Übernahme von Capsugel. Seither ging es mit der Aktie steil nach oben  – etwas, das die grossen Pharmakonzerne schon lange nicht mehr zustande gebracht haben.

SMI-Chefs und ihre Kursperformance seit Amtsantritt

CEO Firma CEO seit Aktie, in %** SPI, in %
Ulrich Spiesshofer ABB 15.09.2013 +13 +41
Alain Dehaze Adecco 01.09.2015 -15 +19
Tidjane Thiam Credit Suisse 01.07.2015 -29 +20
Christian Buhl Geberit 01.01.2015 +32 +21
Gilles Andrier Givaudan 01.03.2005 +204 +142
Bernhard Hodler Julius Bär 27.11.2017 +4 0
Jan Jenisch LafargeHolcim 01.09.2017 -6 +5
Richard Ridinger Lonza 01.05.2012 +601 +88
Mark Schneider Nestlé 01.01.2017 +6 +20
Vasant Narasimhan Novartis 01.02.2018 -8 0
Johann Rupert* Richemont 01.04.2010 +137 +78
Severin Schwan Roche 04.03.2008 +9 +76
Frankie Ng SGS 01.03.2015 +30 +20
Paul Schuler Sika 01.07.2017 +32 +6
Patrick Frost Swiss Life 01.07.2014 +71 +27
Christian Mumenthaler Swiss Re 01.07.2016 +12 +24
Urs Schaeppi Swisscom 07.11.2013 0 +37
Nick Hayek Swatch 01.01.2003 +320 +269
Sergio Ermotti UBS 15.11.2011 +52 +108
Mario Greco Zurich 01.03.2016 +49 +30

Quelle: cash.ch (Stand 11.05.18) *in verschiedenen Funktionen **ohne Berücksichtigung der Dividendenzahlungen