«Schweizer sollten Schweizer Aktien kaufen»

Der bekannte Finanzjournalist Jens Korte äussert sich im cash-Interview zu seiner persönlichen Anlagephilosophie, zum US-Finanzsystem und zu seinem Arbeitsplatz Wall Street.
09.09.2014 00:55
Von Frédéric Papp
«Langfristiges Investieren entspricht meiner Mentalität»: Jens Korte.
«Langfristiges Investieren entspricht meiner Mentalität»: Jens Korte.
Bild: Nik Hunger

cash: Herr Korte, Sie sind ein erfahrener Börsenmann. Was raten Sie Privat­anlegern generell?

Jens Korte: Nur da zu investieren, wo man sich auskennt. Ein Schweizer Anleger sollte überwiegend heimische Titel im Depot haben. Da die Medien laufend darüber berichten, fällt die Informationsrecherche leicht. Wer zudem als Schweizer im Schweizer Markt investiert, umgeht das Währungsrisiko.

Und der Anlagehorizont?

Ich persönlich bin ein langfristiger Anleger. Das muss auch so sein, weil ich als Finanzjournalist keine kurzfristigen Trades machen darf - damit ich nicht in ­Versuchung geführt werde, Aktien schön- oder schlechtzureden. Langfristiges Investieren entspricht aber auch meiner Mentalität.

Börsenexperte und Journalist
Der 45-jährige Journalist lebt seit 1999 in New York und berichtet seither für verschiedene Medien von der US-Börse an der Wall Street. Vor seinem abgeschlossenen Studium der Volkswirtschaft und Kultur­management an der Freien Universität Berlin absolvierte der gebürtige Frankfurter eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Korte ist verheiratet und hat einen sieben­jährigen Sohn.

Sie sind somit ein Befürworter der Buy-and-Hold-Strategie?

Im Prinzip schon. Manchmal kann es aber sinnvoll sein, Gewinne zu realisieren. Das Problem dabei ist: Wohin mit dem Geld? Es gibt auf absehbare Zeit keine wirkliche Alternative zu Aktien, also kann man genauso gut investiert bleiben.

Mit dem Risiko, dass die Gewinne wieder abschmelzen.

Ja, eigentlich sollte man die Gewinne einstreichen und einfach abwarten, bis sich wieder eine günstige Kaufgelegenheit bietet. Ein Zinsanstieg am kurzen Ende wäre zum Beispiel ein guter Einstiegszeitpunkt, weil dann die Börsen kurzzeitig unter Druck geraten werden.

Wie ist denn Ihre Anlage­performance?

Man sollte es vielleicht nicht vermuten, aber ich bin kein sehr aktiver Investor. Den überwiegenden Teil meines Vermögens habe ich als Cash auf dem Konto liegen, den Rest in US-Aktien. Unter dem Strich stimmt die Performance. Aber Hand aufs Herz, es war auch kein Kunststück: In den letzten fünf Jahren war es nahezu egal, welche Aktien man kaufte, die Performance war gut. Das gilt auch für einen längeren Zeitraum. Als ich vor 15 Jahren in New York anfing, stand der Dow Jones noch unter 10 000 Punkten, heute notiert er deutlich höher.

Kriegen Sie den einen oder anderen heissen Tipp eines Börsianers?

Es gibt schon ab und zu einen Börsen­händler, der sagt, schau dir mal diese oder jene Aktie an. Aber man bekommt etwa beim Händewaschen auf der Toilette sicher keine Insiderinformationen zugesteckt. Die Händler auf dem Börsenparkett sind auch nicht zwingend diejenigen, die wirklich exklusive Informationen haben. Sie wissen oft nicht, welche Motivation hinter einem Grossauftrag steckt und sie ­haben auch kein Interesse daran, dass der Kurs innert kurzer Zeit stark steigt oder fällt. Sie sind darauf spezialisiert, den ­Auftrag ohne grössere Kursausschläge zu handeln.

Nutzen Sie die Tipps für Ihre ­persönlichen Investments?

Eher selten. Aber wenn ich was höre, was meiner Meinung nach Sinn macht, dann baue ich das in meine Berichterstattung ein. Das macht alles etwas lebendiger.

Sie sind nun seit 15 Jahren ­Finanzjournalist. Ist Langeweile im Anmarsch?

Nein, überhaupt nicht. New York ist immer noch der Dreh- und Angelpunkt der Finanzwelt. Und es ist toll, als Finanzjournalist an dem Ort zu sein, wo die Musik spielt. Die Finanzwelt hat sich stark gewandelt, und Umbrüche finde ich extrem spannend.

Inwiefern hat sich ihr Job gewandelt?

Als ich 1999 anfing, machte ich viele Berichterstattungen auf diese Art: Goldman Sachs empfiehlt diese oder jene Aktie, oder die damalige Credit ­Suisse First Bosten sagt, man soll IBM-Aktien verkaufen. Das waren typische Börsensendungen. Das mache ich heute nicht mehr. Vielmehr stehen die grös­seren ökonomischen Zusammenhänge im Vordergrund. Ich bin von Haus aus Ökonom, deshalb lege ich den Fokus auch auf die wirtschaftliche Entwicklung der USA.

Wie wurden Sie Finanzjournalist?

Das war Zufall. Ich kam nach New York in einer Zeit, wo die Börsen aufgrund der Dotcom-Euphorie regelrecht explodierten. Die ganze Welt wollte Berichte über die Wall Street haben. Ich war also zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ursprünglich wollte ich nur ein Jahr in New York bleiben, nun sind es 15 Jahre geworden.

Was waren die prägendsten ­Erlebnisse Ihrer Karriere?

Mein erster Börsentag. Ein Händler, damals gab es 6000, hatte mich spontan zum Frühstück eingeladen und erklärte mir, wie die Börse funktioniert, welche Regeln zu beachten sind und wer das Sagen hat. Und dann war da der 11. September 2001...

...der Anschlag auf das World Trade Center in New York.

Dieser Tag hat mich stark und nachhaltig verändert. Aber auch am 17. September, als die Börse wieder aufging, hatte ich Gänsehaut. Man hat sich einerseits bedroht gefühlt, anderseits war man stolz, da zu sein und wieder weiterzumachen. Es war eine irre Atmosphäre. Irre war auch der 15. September 2008.

Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, welche die Finanzkrise auslöste.

Genau. Wobei der Tag davor, als die Pleite beschlossen wurde, für mich genauso spannend war. Leidtragender war mein Sohn, der am selben Tag Geburtstag hatte. Statt Geburtstag zu feiern, fuhren wir mit dem Kinderwagen vor der New Yorker Notenbank auf und ab und versuchten herauszufinden, was passiert. Laufend fuhren Limousinen vor und das Who’s who der amerikanischen Finanzwelt wie der frühere Notenbankchef Ben Bernanke oder der Ex-Finanzminister Timothy Geithner stieg aus. Und da wusste ich gleich: Da ist etwas Grosses im Busch.

Ihr erstes Buch heisst ­«Rettet die Wall Street - warum wir ­Zocker brauchen». Weshalb dieser provokative Titel?

Ich spiele mit dem Begriff, weil man Banker schnell mit Zockern gleichsetzt. Klar, es ist viel Negatives passiert, ich will auch nichts schönreden. Aber eine starke Volkswirtschaft braucht ein starkes Finanzsystem. Und dazu gehören auch Derivate. Es ist einfach Unsinn zu sagen, Derivate seien überflüssig. Die Welt ist komplex geworden und es braucht Instrumente, um sich abzusichern. Selbstverständlich wurde und wird mit Derivaten übertrieben, aber das stellt doch nicht grundsätzlich alles infrage, was in den letzten 20 Jahren von der Finanzindustrie hervorgebracht wurde.

An wen richtet sich Ihr Buch?

An den Mann der Strasse. Ich bin der Meinung, dass die Leute viel zu wenig über die Finanzindustrie wissen. Jeder hat eine Meinung über diese Branche, man weiss aber nicht genau, was da wirklich passiert. Wenn man weiss, wie es läuft, kann man auch eine Debatte starten über die Verbesserung des Systems.

Was muss sich denn konkret ­verbessern?

Die Transparenz geht zunehmend verloren. Ich habe mit dem Hochfrequenzhandel an sich kein Problem. Aber die Entwicklung war so rasant, dass er ausser Kontrolle zu geraten droht. So werden zum Beispiel bewusst Lockangebote platziert, welche dann innert Millisekunden wieder zurückgezogen werden. Das passiert mit dem Zweck, dass eine Aktie zu einem leicht höheren Preis verkauft werden kann. So etwas muss man verbieten. Der Gesetzgeber ist dran, agiert aber zu langsam.

Welche Bedeutung hat für Sie die Schweiz?

Ich bin schon als Kind jedes Jahr in die Schweiz in den Urlaub gefahren. Und heute habe ich viele Kunden in der Schweiz. Ich arbeite sehr gerne mit Schweizern zusammen. Das Arbeitsklima ist professionell und sehr angenehm. Man zeigt Respekt und es herrscht eine gewisse Herzlichkeit, die ich zum Beispiel in Deutschland, gerade unter Journalisten, vermisse. Sie sind häufig stark von sich selber überzeugt.

Und was nervt Sie an der Schweiz?

Verglichen mit New York fehlt mir das gepflegte Chaos. In New York kann man eher so sein, wie man ist. Die Amerikaner beherrschen das Spiel «leben und leben lassen» sehr gut. In der Schweiz, und dies gilt für ganz Europa, steht man verstärkt unter der Beobachtung der Familie, von Freunden oder der Gesellschaft im Allgemeinen. Das ist ja auch ein wesentlicher Bestandteil des Lebens, doch es kann manchmal auch beengend sein.

Dieses Interview finden Sie auch im Jubiläums-Magazin «cash VALUE Trading» 2014. Das Magazin können Sie gratis bestellen, als PDF herunterladen oder als ePaper lesen.