An den Schweizer Tankstellen werden weiterhin Dieselpreise von 2,20 bis 2,30 Franken aufgerufen, obwohl sich der Rohölpreis in den vergangenen Tagen um mehr als 7 Prozent auf 87 Dollar pro Barrel der Sorte Brent verbilligt hatte. Noch befremdlicher erscheint auf den ersten Blick der Vergleich zu Anfang Juni, als der Diesel an der Zapfsäule nur 1,90 bis 2,00 Franken kostete bei einem Erdölpreis von 97 Dollar.
Die hohen Preise sind allerdings nicht auf die Tankstellenbetreiber zurückzuführen, welche die Kunden übermässig schröpfen und die tieferen Einkaufspreise beim Erdöl nicht weitergeben. Gerade beim Diesel sind es die global fehlenden Raffineriekapazitäten ausserhalb des Nahen Ostens, das russische Exportverbot sowie die global bedenklich tiefen Lagerbestände, welche den Preis in die Höhe treiben.
Die Vorräte an Destillat-Heizöl in den USA - eine Kraftstoffkategorie, zu der Diesel gehört - lagen in der Woche bis zum 21. August bei 103,4 Millionen Barrel, wie aus am Mittwoch veröffentlichten Daten der Energy Information Administration hervorging. Zu dieser Jahreszeit waren die Vorräte noch nie so niedrig, so die Zahlen, die bis in die frühen 1980er‑Jahre zurückreichen.
Trotz sinkender Lagerbestände verfügen die Amerikaner über genügend Raffineriekapazität. Europa hat dagegen in den vergangenen 20 Jahren rund 3,5 bis 3,8 Millionen Barrel an Erdölverarbeitungskapazitäten verloren, wie die Researchagentur RBN Energy errechnet hatte. Ein wesentlicher Teil dieser Verarbeitungskapazität beim Diesel wurde durch Import aus Russland kompensiert. Mit den verstärkten Drohnenangriffen der Ukraine auf die Energieinfrastruktur in Russland ist diese Quelle seit Juli 2026 versiegt. Der Kreml hat ein weitgehendes Exportverbot für Diesel, Benzin und andere Kraftstoffe verhängt, um eine akute Versorgungskrise im Inland zu bekämpfen. Dieses Verbot läuft vorerst bis Ende September.
Wenig erstaunlich hat sich die Dieselversorgungslage in Europa nun so verschärft, dass erstmals seit sieben Jahren auf Importe aus Mexiko zurückgegriffen wird, weil die gewohnten Handelsströme durcheinandergebracht wurden. Der staatliche Ölkonzern Petróleos Mexicanos (Pemex) hat im August knapp 300'000 Barrel schwefelarmen Dieselkraftstoff nach Spanien verschifft, wie Daten des maritimen Informationsunternehmens Kpler und von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen.
Dies ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich der Markt durch Umbrüche neu aufstellt. Denn Mexiko ist normalerweise ein bedeutender Dieselimporteur. Derzeit ist der Markt in Europa aber so angespannt, dass es sich für mexikanische Lieferanten lohnt, Lieferungen zu exportieren, auch wenn dies bedeutet, dass Mexiko seine eigenen Importe erhöhen muss. Die Kraftstoffpreise sind in diesem Jahr aufgrund der weltweiten Lieferengpässe und der steigenden Verarbeitungskosten stark gestiegen. So haben sich die Produktionskosten für Diesel in Europa verdoppelt und für Benzin um rund 70 Prozent erhöht.
Der Höhepunkt steht erst an
Die weltweite Dieselnachfrage erreicht üblicherweise etwa im Oktober ihren Höhepunkt, wenn der Beginn der Heizsaison im Winter und die Ernten auf der Nordhalbkugel mit der Aussaatzeit auf der Südhalbkugel zusammenfallen. Eine steigende Nachfrage nach dem Kraftstoff bei bedenklich niedrigen Vorräten könnte die Preise noch weiter nach oben treiben und die energiegetriebene Inflation anheizen, erläutern die Ökonomen von Bloomberg in einer Notiz am Donnerstag. Der Krieg im Iran habe die Energiemärkte erschüttert. Entsprechend sind die Exporte raffinierter Kraftstoffe durch die Strasse von Hormus - ebenso wie die russischen Dieselexporte - auf nahezu null zurückgegangen.
Mit dem niedrigen Wasserstand des Rheins kommt ein weiteres Problem hinzu. Über die Rheinschifffahrt gelangen rund ein Drittel des gesamten Bedarfs an Mineralölprodukten in die Schweiz. Experten warnen deshalb, dass es bei anhaltender Trockenheit künftig zu langen Ausfällen kommen könnte. Treibstoffe würden auf anderem Weg importiert - allerdings zu höheren Tarifen, weil Lastwagen- und Zugtransporte deutlich teurer sind.
Schweizerinnen und Schweizern bleibt für den Moment deshalb nur die Option, ausserhalb der Schweiz Diesel günstiger zu tanken. In Deutschland liegen die Preise rund 10 bis 15 Prozent tiefer, weil der Treibstoff in Europa von den Regierungen subventioniert wird. Dieselmotoren verbrennen Kraftstoff effizienter als Benzinmotoren und stossen pro Kilometer weniger Kohlendioxid aus.

