Ein schwächerer Franken, eine höhere Inflation und eine robustere Wirtschaft werfen die Frage auf, ob die Zeit der Nullzinsen in der Schweiz langsam zu Ende geht. Das sind die wichtigsten Antworten: 

Was hat die SNB entschieden?

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat den Leitzins am Donnerstag - wie erwartet - bei 0,00 Prozent belassen. Gleichzeitig hat sie ihre Inflationsprognose leicht nach oben angepasst. Für 2026 bis 2028 erwartet sie nun eine durchschnittliche Teuerung von 0,7 bis 0,8 Prozent. Auch die Konjunkturaussichten beurteilt sie besser. Die Nationalbank hält den Nullzins deshalb weiterhin für angemessen. Sie geht davon aus, dass die Inflation im Bereich der Preisstabilität bleibt und die Geldpolitik gleichzeitig die Wirtschaft stützt.

Was war zwischen den Zeilen zu lesen?

Zwischen den Zeilen deutet sich an, dass die SNB einen späteren Zinsschritt grundsätzlich wieder stärker ins Auge fasst. Auffällig ist vor allem die veränderte Kommunikation zum Franken: Die Nationalbank spricht nicht mehr von einer «erhöhten Bereitschaft» zu Devisenmarktinterventionen, sondern nur noch davon, dass sie «bei Bedarf» eingreifen wird. Der Grund dafür ist die deutliche Abwertung des Frankens. Gleichzeitig haben sich die Zinsdifferenzen zum Ausland ausgeweitet, was den Franken zusätzlich geschwächt hat. Einige Ökonomen sehen darin ein Zeichen dafür, dass die SNB weniger stark gegen eine Aufwertung des Frankens vorgehen muss und sich dadurch mehr Spielraum für Zinserhöhungen eröffnet. Ein konkretes Signal für einen unmittelbar bevorstehenden Zinsschritt gab die SNB allerdings nicht.

Wie interpretieren Ökonomen die Entscheidung?

Die Einschätzungen der Ökonomen sind geteilt. Einige sehen die aktuelle Lagebeurteilung als vorsichtigen Schritt in Richtung einer Normalisierung der Geldpolitik. Sie rechnen mit einer Zinserhöhung im kommenden Jahr oder sehen zumindest ein sich öffnendes Zeitfenster dafür. Während BAK Economics weiterhin einen Zinsschritt bereits im Dezember für möglich hält, erwartet die ZKB beispielsweise ab März 2027 schrittweise Erhöhungen. Andere Institute sind deutlich zurückhaltender. Sie sehen in der aktuellen Kommunikation keine Anzeichen für eine baldige Zinserhöhung und rechnen mit einer längeren Phase bei null Prozent. Die Meinungen reichen damit von einem möglichen ersten Zinsschritt bereits im Dezember bis zu einer Beibehaltung des Nullzinses über das Jahr 2027 hinaus.

Was spricht für eine baldige Zinserhöhung?

Für eine baldige Zinserhöhung sprechen mehrere Faktoren. Die Inflation ist leicht gestiegen und die SNB hat ihre Prognose nach oben korrigiert. Gleichzeitig erwartet sie eine deutlich stärkere Wirtschaftsentwicklung als noch im Juni. Hinzu kommt der schwächere Franken: Durch die Ausweitung der Zinsdifferenzen zum Ausland hat die Schweizer Währung an Wert verloren. Das kann die importierte Inflation erhöhen und den Druck auf die SNB verstärken. Einige Ökonomen weisen zudem darauf hin, dass ein Leitzins von null Prozent bei einer Inflation von zuletzt 0,8 Prozent und einer robusteren Konjunktur zunehmend weniger dringlich erscheint. Ein kleiner Zinsschritt könnte ausserdem wieder einen gewissen geldpolitischen Spielraum schaffen, falls die SNB später erneut auf eine schwächere Wirtschaft reagieren müsste.

Was spricht dagegen?

Gegen eine baldige Zinserhöhung spricht das weiterhin tiefe Inflationsniveau. Selbst nach der Anpassung liegt die Teuerung gemäss SNB-Prognose deutlich unter 2 Prozent und damit innerhalb des Preisstabilitätsbereichs. Die Nationalbank beurteilt den mittelfristigen Inflationsdruck zudem nur als «geringfügig» beziehungsweise «moderat» höher. Auch der erwartete Anstieg der Inflation auf 1,2 Prozent in den nächsten Quartalen wird von mehreren Ökonomen nicht als ausreichendes Signal für einen sofortigen Zinsschritt gesehen. Die höheren Energiepreise könnten zwar vorübergehend für mehr Inflation sorgen, entscheidend wäre aber, ob sich daraus ein anhaltender Preisdruck bei Löhnen und anderen Preisen entwickelt. Zudem bleiben die globale Wirtschaftslage und geopolitische Entwicklungen unsicher. «Die SNB verfügt weiterhin über Devisenmarktinterventionen als Instrument, um auf den Franken und damit auf die importierte Inflation einzuwirken», betonte SNB-Chef Martin Schlegel während der Medienkonferenz.

(AWP)