So geht es bei den Hypothekarzinsen weiter

Das Brexit-Votum hat Hypotheken auf Rekord-Tiefstwerte gedrückt. Experten zufolge liegen noch weitere Zinssenkungen drin - doch viele Banken nutzen die Bequemlichkeit der Kunden aus.
06.07.2016 23:00
Von Ivo Ruch
Ein Wohnhaus im Rohbau: Für viele Privatpersonen sind Hypotheken äusserst attraktiv.
Ein Wohnhaus im Rohbau: Für viele Privatpersonen sind Hypotheken äusserst attraktiv.
Bild: pixabay.com

Es sind einmal mehr gute Neuigkeiten für Immobilienbesitzer oder für solche, die es werden möchten: Die Zinsen für Hypotheken sind erneut gesunken und auf neuen Rekord-Tiefstwerten angelangt. Eine zehnjährige Festhypothek kostet im Durchschnitt 1,39 Prozent nach 1,43 Prozent noch vor zwei Wochen, wie Daten von Vermögenspartner zeigen. Auch andere Hypotheken-Produkte haben sich nochmals verbilligt (siehe Chart).

Bei einzelnen Anbietern können gar zehnjährige Hypotheken für weniger als 1 Prozent abgeschlossen werden, wie mehrere Hypothekenvermittler gegenüber cash sagen. Zum Beispiel beim Online-Anbieter Swissquote, der 0,98 Prozent verlangt. Mit ein bisschen Verhandlungsgeschick und guter Bonität aber auch bei anderen Instituten.

Die Zinsen von Libor- (gelb), fünfjährigen (rot) und zehnjährigen (grün) Hypotheken seit Anfang 2011. Quelle: vermögenspartner.ch

Dieser neuerliche Zins-Rutsch hat viel mit der Brexit-Abstimmung zu tun. Das britische Votum, die Europäische Union zu verlassen, hat die Aussicht auf weiterhin tiefe oder negative Zinsen verfestigt. So ist die Rendite auf zehnjährige Schweizer Staatsanleihen, an der sich die Hypothekenzinsen hauptsächlich orientieren, auf minus 0,6 Prozent gesunken.

Für Claudio Saputelli, der bei der UBS das Immobilien-Research leitet, bedeutet diese Ausweitung der Negativ-Renditen nichts anderes, "dass der Markt von der Schweizer Nationalbank einen noch negativeren Zins erwartet".

Es liegen noch tiefere Zinsen drin

Die Hypo-Talfahrt dürfte hier in der Tat noch nicht zu Ende sein. "Ich glaube, dass diese Produkte sogar noch etwas günstiger werden und auf 0,8 bis 0,85 Prozent sinken", sagt Giampiero Brundia, Geschäftsführer der Hypothekenbörse in Uster auf Anfrage. Denn auch die Refinanzierungskosten für Banken sind günstiger geworden und der Wettbewerb zwischen den Anbietern hat sich verschärft.

Dass viele Hypothekeninstitute bei den Margen noch Potenzial haben und folglich die Zinsen noch sinken können, glaubt auch Florina Schubiger von der Finanzberatung Vermögenspartner: "Ein Blick in die Geschäftsberichte zeigt, dass viele Banken im Zinsgeschäft sehr erfolgreich wirtschaften."

Banken nutzen Kunden-Faulheit aus

Das sehen längst nicht alle Banken so. Die WIR Bank und die LGT Bank haben jüngst ihre Hypothekenzinsen sogar auf je 1,66 Prozent erhöht. Immer noch gibt es also grosse Unterschiede zwischen den Konditionen der verschiedenen Hypothekenanbieter (hier finden Sie eine Übersicht). "Die teuren Institute wissen, dass die Leute gerade bei der Erneuerung von Hypotheken sehr bequem sind und nutzen das bewusst aus", sagt Hypothekenvermittler Brundia.

Auch hört man immer wieder, dass viele Kunden nicht genügend Offerten einholen und zu wenig konsequent verhandeln, bevor es zu einem Abschluss kommt. Für Hypotheken-Experte Florian Schubiger darf bei durchschnittlichen Wohnobjekten eine zehnjährige Festhypothek momentan nicht teurer als 1,2 Prozent sein.

Mit der Aussicht auf noch lange tiefe Hypo-Zinsen stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt und der Produktwahl. Klar ist: Die Zinskurve ist so flach wie nie zuvor, wie der folgende Chart zeigt.
 

Flach wie nie: Die aktuelle Zinskurve. Quelle: moneypark.ch

Das heisst, der Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Hypotheken ist extrem gering. Derzeit stehen die Zinsen für eine Libor-Hypothek bei durchschnittlich 0,926 Prozent. Der Aufschlag, der zur Zins-Absicherung für die nächsten Jahre bezahlt werden muss, war also noch nie so günstig. "Auch wenn die tiefen Zinsen auf Libor-Produkte verlockend sind, zeigt die flache Zinskurve die Attraktivität von langfristigen Festhypotheken", sagt Schubiger.

Eine interessante These stellt auch Stefan Heitmann vom Hypothekenbroker Moneypark auf. Der Markt könnte eine ähnliche Situation erleben wie Anfang 2015 mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses und der Einführung der Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank.

"Damals erlebten wir einen beispiellosen Einbruch der Hypo-Zinsen, der aber nur wenige Wochen andauerte, bis die Banken und Versicherungen wieder ihre Margen ausbauten", schreibt Heitmann in einem Kommentar. Sein – wohl nicht uneigennütziger – Ratschlag: "Wer klug ist, schliesst seine Hypothek in diesem hochvolatilen Markt lieber heute als morgen ab."