So schlagen sich die SNB-Brüder im Norden

Im Schatten von EZB und Bank of England gibt es im Norden Europas einige Zentralbanken mit einer autonomen Geldpolitik. Wie sie sich im aktuellen Umfeld schlagen und was sie mit der SNB gemein haben.
22.04.2016 06:45
Von Pascal Züger
Auch die Schwedischen Notenbank verlangt Negativzinsen.
Auch die Schwedischen Notenbank verlangt Negativzinsen.
Bild: Bloomberg

Die Schweiz wird oft als einsame Insel gesehen: Umgeben vom Euroraum kämpft man als kleine Volkswirtschaft alleine auf weiter Flur gegen eine Aufwertung des starken Frankens. Doch ganz so alleine ist sie gar nicht: Es existieren andere Länder in Europa, die vergleichsweise klein sind, aber wie die Schweiz zu den wohlhabendsten Ländern weltweit gehören und nicht den Euro als Währung haben. Die Rede ist von Dänemark, Island, Norwegen und Schweden.

Die Volkswirtschaften dieser nordischen Staaten sind eng an den Euroraum gekoppelt. Dänemark und Schweden sind auch Mitglied der Europäischen Union (EU). Die Entwicklung der einheimischen Währungen zum Euro ist von grosser Bedeutung. Trotzdem sind die Probleme und damit auch die Verhaltensweisen dieser nordischen Notenbanken teilweise sehr unterschiedlich, wie ein Überblick über die Notenbankpolitik dieser vier nordischen Staaten zeigt:

Dänemark - an den Euro «gefesselt»

Die Dänen haben den Schweizern einiges voraus: Nicht nur liegen sie im "Weltglücksbericht" an der Spitze als weltweit glücklichstes Land, und damit genau einen Rang vor der Schweiz. Auch hatte die dänische Notenbank schon vor der Schweizerischen Nationalbank (SNB) das Werkzeug der Negativzinsen entdeckt: Im Juli 2012 senkte sie den Einlage- und Leitzins auf minus 0,2 Prozent. Seit Januar 2016 beträgt der Strafzins für bei der Notenbank geparkte Vermögen 0,65 Prozent, nachdem dieser zuvor gar 0,75 Prozent betragen hatte. Gleichzeitig wurde jedoch auch die Freibetragsgrenze - also parkierte Guthaben, die vom Negativzins ausgenommen sind - von 63 auf 32 Milliarden Kronen (4,7 Milliarden Franken) gesenkt.

Beim Zinsentscheid orientiert sich Dänemark - im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern - nicht an der Inflationsentwicklung, sondern an der Entwicklung zum Euro: Die Landeswährung, die dänische Krone, ist mit einer maximalen Schwankungsbreite von 2,25 Prozent an den Euro gebunden. Als der Euro Anfang 2015 in Erwartung der EZB-Geldschwemme stark an Wert verlor, geriet die Krone unter Aufwertungsdruck. Um den Zustrom ausländischen Kapitals zu bremsen, intervenierte die dänische Notenbank am Devisenmarkt und reduzierte den Einlagensatz stark in den negativen Bereich.

Erkenntnis aus Schweizer Sicht: Eine Anbindung zum Euro ist über einen längeren Zeitraum durchsetzbar, die Aufrechterhaltung bedarf jedoch zahlreicher Interventionen - und hat entsprechend ihren Preis.

Island - was sind tiefe Zinsen?

Island litt in der Vergangenheit stark unter Inflation, unstabilen Wechselkursen, Immobilienblasen und grossen Bankenkrisen. Im Zuge der Finanzkrise von 2008 brachen die drei grössten Banken des Landes zusammen, der Staat stand dem Bankrott bedrohlich nahe. Es folgte eine Rezession, in der sich die Wirtschaftsleistung Islands teilweise um über fünf Prozent reduzierte. Seither wertet sich die isländische Krone zum Euro stetig auf.

Das Land steht punkto Geldpolitik im Vergleich zu den meisten anderen Volkswirtschaften etwas schräg in der Landschaft: Von Nullzinsen ist man mit einem aktuellen Einlagesatz (der auch dem Leitzins entspricht) von 5,75 Prozent meilenweit entfernt. Und die Inflation, aktuell 1,5 Prozent, tendiert eher nach oben als unten.

Im letzten Jahr sorgten die Isländer für Schlagzeilen, da sie über die Einführung eines Vollgeldsystems diskutieren (cash berichtete). In diesem neuen Geldsystem würde den Geschäftsbanken die Möglichkeit der Geldschöpfung durch Kreditvergaben entzogen. Auch in der Schweiz wird Vollgeld diskutiert, bald schon darf das Stimmvolk über deren Einführung abstimmen.

Erkenntnis aus Schweizer Sicht: Nicht alle Länder befinden sich in einem Nullzinsumfeld. Ausserdem könnte Island ein "Versuchskaninchen" für das Vollgeld-System werden.

Norwegen - Sorgen wegen tiefem Ölpreis

Norwegens Nationalbank sieht sich einer unangenehmen Situation konfrontiert: Einerseits ist die Inflation mit 3,3 Prozent über dem eigentlichen Ziel von 2,5 Prozent, andererseits kam es zu einem ölpreisbedingten Abschwung des Landes: Die Wirtschaft Norwegens wuchs im vergangenen Jahr mit rund einem Prozent so schwach wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Die Arbeitslosenquote kletterte seither von 3,2 auf 4,8 Prozent.  Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren. Die Zentralbank senkte in der Folge die Leitzinsen Mitte März von 0,75 auf 0,5 Prozent, um der Wirtschaft Schwung zu verleihen. Zudem erwog die Bank auch auf Negativzinsen zurückzugreifen, sollte sich die wirtschaftliche Situation nicht bessern. 

Die norwegische Krone hat sich zum Euro in einem Jahr um 9 Prozent abgeschwächt, doch in diesem Jahr hat sich die Währung wieder um 4 Prozent aufgewertet. Zusammen mit nicht mehr stark ansteigenden Löhnen im Land könnte sich das Inflationsproblem von alleine lösen.

Erkenntnis aus Schweizer Sicht: Nicht nur bei tiefer Inflation wird auf tiefe Zinsen zurückgegriffen.

Schweden - der aggressive Kampf gegen starke Krone

Schwedens Einlagezins liegt auf rekordtiefen minus 1,25 Prozent. In der Praxis wird diese Form des Geldparkens jedoch kaum benutzt. Relevanter ist der Leitzins von minus 0,5 Prozent. Das Land kämpft mit einer stetigen Aufwertung der Krone gegenüber dem Euro. Weitere quantitative Massnahmen sind möglich, da auch die Inflation wieder angekurbelt werden soll. Die Riksbank kauft derzeit Staatsanleihen und hat angekündigt, bei Bedarf zusätzlich am Devisenmarkt zu intervenieren.

Die Geldpolitik in Schweden ist zum Teil heftiger Kritik ausgesetzt, da sie eine doch ziemlich aggressive Politik verfolgt: Man spült Geld in die Wirtschaft und setzt die Zinsen sehr tief, obwohl die schwedische Volkswirtschaft sehr robust wächst. Der "Economist" schätzt Schwedens Wirtschaftswachstum für 2016 auf 3,3 Prozent ein. Im Vergleich dazu wird in der Schweiz ein bescheideneres Wachstum von 1,1 Prozent erwartet.

Erkenntnis aus Schweizer Sicht: Trotz Negativzinsen ist ein hohes Wirtschaftswachstum möglich.

Abgesehen vom hohen Wirtschaftswachstum ähnelt die Situation in Schweden punkto Notenbankpolitik derjenigen in der Schweiz am meisten. Aber generell hat jede Notenbank mit anderen Problemen zu kämpfen. Der Trend zu einer Senkung des Zinsniveaus ist bei den meisten Ländern vorhanden. Anjulie Rusius, Anleihenexpertin von M&G Investments, hält in Norwegen, Finnland und Schweden weitere Absenkungen des Zinsniveaus für wahrscheinlich, während Island ihrer Meinung nach den Zinssatz eher weiter erhöhen dürfte, wie sie in einem Kommentar schreibt.

Politik ausgewählter Zentralbanken in Europa

Land Entwicklung zum Euro (12 Monate) Notenbankziel Aktuelle Inflation  Einlagenzins
Schweiz Abwertung (-5%) 0-2% Inflation -0,9% -0,75 %
Dänemark unverändert Währungsstabilität zum Euro 0,6% -0,65%
Island Aufwertung (+5%) 2,5% Inflation 1,5% 5,75%
Norwegen Abwertung (-9%) 2,5% Inflation 3,3% 0,50%
Schweden Aufwertung (+2%) 2% Inflation 0,8% -1,25%

Quellen: M&G, Economist und cash.ch