«Sonst kaufen Anleger die Katze im Sack»

Zehn Jahre müsse man warten, um die Qualität eines Anlagefonds beurteilen zu können, sagt Fondsmanager Georg von Wyss im Interview mit cash.
06.02.2014 01:00
Interview: Pascal Meisser
«Wir sind langfristig denkende Investoren. Jede Aktie spiegelt über die Zeit den inneren Wert wieder»: Georg von Wyss im Interview mit cash.
«Wir sind langfristig denkende Investoren. Jede Aktie spiegelt über die Zeit den inneren Wert wieder»: Georg von Wyss im Interview mit cash.
Bild: Paolo Dutto

Dieses Interview ist Teil des Magazins «cash VALUE Fonds» 2014. Das Magazin kann als PDF heruntergeladen oder als ePaper gelesen werden.

cash: Herr von Wyss, zu den Kritikpunkten an der Fondsbranche zählt der Vorwurf, dass kaum ein Fondsmanager den Index über eine längere Zeit schlägt. Genau das wäre doch seine Aufgabe.

Georg von Wyss: Die meisten Fondshäuser orientieren sich bei ihren Produkten nahe an den Börsen-indizes. So ist es natürlich schwierig, einen Mehrwert zu schaffen. Wer in dieser Branche überdurchschnittlich sein will, muss nah dran sein, detaillierte Research machen und regelmässig Unternehmen besuchen. Das kostet Zeit und Geld und macht den Unterschied zwischen aktivem und quasi-aktivem Fondsmanagement aus.

Aber selbst die besten Fondsmanager ziehen immer wieder ein schlechtes Jahr ein.

Es wäre auch illusorisch, zu glauben, dass ein Anlagefonds jedes Jahr besser ist als der Vergleichsindex. Realistischerweise kann das kaum jemand. Wer erfolgreich einen Fonds managen will, muss vom Index abweichen. Damit steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, falsch zu liegen. Entscheidend ist, dass man über einen Zeithorizont besser performt als der Gesamtmarkt.

Welchen minimalen Anlagehorizont empfehlen Sie Anlegern, die auf Aktien setzen?

Das Minimum sind sieben bis zehn Jahre. Wer sein Geld nicht auf eine so lange Frist hinaus gebunden haben will, der sollte die Hände davon lassen und das Geld in festverzinslichen Produkten parkieren. Zehn Jahre ist auch der Zeithorizont, der eine entscheidende Aussagekraft über die Qualität von Fonds besitzt. Hat ein Fonds in den letzten zehn Jahren den Markt geschlagen, dann sind die Aussichten gut, dass ihm das auch in den folgenden zehn Jahren gelingt. Über drei oder fünf Jahre werden solche Zusammenhänge immer schwächer und zufälliger.

Viele Fonds verfügen aber gar nicht über eine so lange Vergangenheit.

Das kommt daher, dass Fondshäuser Produkte, die nicht gut laufen, relativ schnell wieder einstampfen und neue kreieren. Denn ohne diesen so genannten "Track-Rekord" ist es einfacher, künftige Entwicklungen zu versprechen. Der Anleger sollte aber auf Konstanz schauen, sonst besteht die Gefahr, dass er die Katze im Sack kauft.

Zusammen mit Ihren zwei Partnern gehören Sie zu den besten Schweizer Fondsmanagern. Ihr Erfolgsrezept?

Wir setzen auf den Value-Ansatz, und das seit unserer Gründung vor 16 Jahren. Aus unserer Sicht ist das der einzige Weg, um an der Börse richtig Geld zu verdienen. Und diesen setzen wir konsequent um.

Was heisst das konkret?

Wir sind ständig auf der Suche nach unterbewerteten Aktien. Unterbewertet heisst, dass der innere Wert eines Unternehmens höher ist als der aktuelle Börsenkurs. Unsere Bewertung erfolgt auf Basis von normalisierten Gewinnen und Kursen. Wir blenden also aus, wo die Börse als Ganzes zum aktuellen Zeitpunkt steht.

Die Börsenhausse hat die Kurse nach oben getrieben. Die Zahl der unterbewerteten Aktien hat rapide abgenommen.

Allerdings. Wir müssen nun deutlich mehr Steine umdrehen, um etwas zu finden. Krisen sind für unseren Anlagestil einfacher. In Krisenzeiten werden viele Aktien günstig, da verspüren wir in den Fingern ein Kribbeln.

Unterbewertungen von Aktien können an der Börse über eine längere Zeit Bestand haben. Woher nehmen Sie in der schnelllebigen Zeit diese Geduld?

Wir sind langfristig denkende Investoren, und wir gehen davon aus, dass über die Zeit jede Aktie wieder den inneren Wert spiegelt. Als unabhängige Fondsmanager haben wir alle Zeit der Welt. Wir können warten. Die Rendite entschädigt uns dafür.

Ein solcher "Buy-and-Hold"-Ansatz ist für viele Profis aber nicht mehr zeitgemäss.

Interessanterweise sind es die Banken, die das sagen. Und zwar deshalb, weil sie wegen eingebrochener Märkte während der Finanzkrise viel weniger an Gebühren verdient hatten. Das Problem war aber nicht "Buy and Hold", sondern die Angst der Kunden vor Aktien, weil die Kunden Geld verloren hatten.

Noch heute horten Anleger in der Schweiz hohe Cash-Bestände. Wann fliessen diese Gelder in die Ak­tienmärkte?

Ich weiss nicht, wie viel der Cash-Bestände tatsächlich in die Aktien fliesst. Ein erheblicher Teil dieses Geldes wäre jetzt in Obligationen investiert. Wegen der tiefen Zinsen halten sich die Anleger aber zurück. Alleine aus strategischen Gründen würde es nicht viel Sinn machen, die Strategie über den Haufen zu werfen und das Geld in Aktien umzuschichten.

Was heisst das für die mittelfristige Börsenentwicklung?

Wir geben nicht vor, dass wir das voraussagen können. Wir sind aber noch nicht am Ende der Rally. Zwar haben wir seit Monaten kaum noch neue Kandidaten zum Kaufen gefunden, es ist eindeutig schwieriger geworden. Handkehrum gibt es immer noch Gründe, welche die Anleger negativ stimmen. Bullen und Bären teilen sich den Markt und haben gute Argumente für ihre Positionen. Das ist ein gutes Umfeld für eine positive Börse.

Gibt es Aktienmärkte, die noch interessant sind?

Als "Stock Picker" sind wir nicht an Märkten als Ganzes interessiert. Es gibt tendenziell etwas mehr billige Titel in Europa als in den USA, da wegen der verhaltenen Wirtschaftsentwicklung die zyklischen Titel noch hinterherlaufen. Frankreich ist ein dankbarer Ort, um tief bewertete Aktien zu suchen. Das Risiko, dass das Land so richtig in die Krise gezogen wird, ist nicht auszuschliessen, aber auch nicht sehr gross. Falls Präsident François Hollande entgegen den Erwartungen die Reformen anpackt, könnte die französische Börse sehr gut werden.

Welche Aktien würden Sie nie kaufen?

Solche aus Branchen, die für den Markteintritt einen hohen Kapitalbedarf benötigen und anschliessend undifferenzierte Güter produzieren. Ich denke da beispielsweise an die Stahl- und Flugzeugindustrie. Lange Zeit war für uns auch die Auto­branche kein Thema, bis wir doch hin und wieder Aktien in dieser Branche gefunden hatten: "Never say never."

Wie sehen Sie die Zukunft der Fondsbranche?

Uns macht vor allem eins Sorgen, und zwar die Regulierungsflut, die über uns hineinbricht. Da müssen vor allem wir kleineren Fondsanbieter uns grosse Gedanken machen. Viele Anforderungen sind nicht zum Schutz des Anlegers, sondern zum Nachteil. Denn die regulatorischen Auflagen binden auf unserer Seite unheimlich Kräfte. Als Konsequenz verlieren wir viel Zeit, die uns beim Ausüben des Hauptgeschäfts schliesslich fehlt.
 

Georg von Wyss ist Teilhaber und Portfoliomanager der auf den Value-Stil spezialisierten Anlagegesellschaft Braun, von Wyss und Müller (BWM). Dieser in Wilen bei Wollerau und Triesen FL domizilerte Vermögensverwalter bietet seit 1997 mit dem "Classic Value Equity Fonds" und dem "Classic Global Equity Fonds" zwei erfolgreiche Anlageprodukte an. Im Fokus stehen ausschliesslich Aktien, die aus Sicht von BWM unterbewertet sind und deshalb überdurchschnittliche Renditechancen bieten.