Spätzyklischer Industriekonzern - ABB-Aktie: Augen zu und durch?

Langfristige Anleger verdienten mit ABB in den letzten Jahren kaum Geld. Nun könnten die Aktien vor einem kräftigen Kursanstieg stehen.
17.03.2017 08:43
Von Lorenz Burkhalter
ABB-CEO Ulrich Spiesshofer: Laut RBC Capital Markets steht seine Aktie vor Kursgewinnen.
ABB-CEO Ulrich Spiesshofer: Laut RBC Capital Markets steht seine Aktie vor Kursgewinnen.
Bild: cash

Die Aktie von ABB ist gerade bei Tradern sehr beliebt. Schon seit Jahren schwankt ihr Kurs zwischen 15 und 24 Franken. Wer am unteren Ende dieser Bandbreite zukaufte und sich rechtzeitig wieder verabschiedete, verdiente gutes Geld. Das Nachsehen hatten langjährige Grossaktionäre wie Investor AB, das Beteiligungsgefäss der Industriellen-Familie Wallenberg.

Mit gut 23 Franken liegt der Aktienkurs nun wieder am oberen Ende der besagten Bandbreite. Alleine seit Ende Oktober errechnet sich ein Plus von knapp 13 Prozent. Damit stellt sich nun zumindest Tradern stellt die Frage: Gewinne wieder mitnehmen – oder Augen zu und durch?

Weder noch, sagen die beiden Autoren einer Unternehmensstudie aus dem Hause RBC Capital Markets. Sie erhöhen in der Studie nicht nur das Kursziel für die mit "Outperform" empfohlene Aktie auf 25,50 (bisher: 25) Franken, sondern raten ihrer Anlagekundschaft sogar zum Zukauf. Im günstigsten Fall sehen die beiden Analysten den Titel sogar bis auf 29 Franken weiterziehen, was aus heutiger Sicht einem Aufwärtspotenzial von rund 30 Prozent entspräche.

Firmeneigene Jahresprognosen zu konservativ?

Insbesondere am spätzyklischen Charakter finden die Analysten sichtlich Gefallen. Das heisst soviel wie: Der Industriekonzern ist in Geschäftszweigen tätig, welche erst in einer späten Phase des Wirtschaftszyklus so richtig in Schwung kommen. Das wird den Experten der kanadischen Investmentbank zufolge ab der zweiten Hälfte dieses Jahres der Fall sein und sich bis ins kommende Jahr hineinziehen. Und weil die Börse stets ein paar Monate in die Zukunft schaut, trifft die spätzyklische ABB-Aktie den Nerv der Stunde.

Die ABB-Aktie ist wieder am oberen Ende des mehrjährigen Kursbandes angelangt (Quelle: www.cash.ch)

Im Februar liess Konzernchef Ulrich Spiesshofer an der Jahresergebnispräsentation für das vergangene Jahr durchblicken, dass 2017 ein Übergangsjahr werden wird. Zuvor deutete schon sein Verwaltungsratspräsident Peter Voser an, dass die Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr wohl keine grundlegende Beschleunigung erfährt.

Bei RBC Capital Markets ist man der Meinung, dass sich diese Aussagen rückblickend als konservativ erweisen könnten. Die Studienautoren rechnen im Jahresverlauf sogar mit einem leicht positiven organischen Umsatzwachstum. Dank den in der Vergangenheit eingeleiteten Kostensenkungsmassnahmen erhoffen sie sich eine Verbesserung der operativen Marge (EBITA) um 60 Basispunkte, gefolgt von einer weiteren Verbesserung um 40 Basispunkte im kommenden Jahr.

Von "Kaufen" bis "Verkaufen" ist alles dabei

Als attraktiv bezeichnen die Analysten auch die mit 3,2 Prozent vergleichsweise hohe Dividendenrendite sowie das über mehrere Jahre laufende Aktienrückkaufprogramm. Dieses mitberücksichtigt, schüttet ABB den Aktionären jährlich sogar etwas mehr als 5 Prozent aus. Auf den bankeigenen Schätzungen errechnet sich zudem ein ziemlich vernünftig anmutendes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 sowie ein Verhältnis vom Unternehmenswert (EV) zum operativen Gewinn (EBITA) von 12.

Doch längst nicht alle Berufskollegen teilen die optimistische Einschätzung der Autoren der Unternehmensstudie. Erhebungen der Nachrichtenagentur AWP zufolge empfehlen momentan sechs Analysten die Aktie zum Kauf und immerhin vier zum Verkauf. Nicht weniger als 13 Experten sind neutral gestimmt. Mit 22,80 Franken liegt das durchschnittliche Kursziel sogar leicht unter dem Schlussstand vom Donnerstagabend.